• vom 03.06.2017, 14:00 Uhr

Geschichte


Nahostkonflikt

Der große Sieg des jungen Staates




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Von Christoph Rella

  • Vor 50 Jahren erreichte der Nahostkonflikt zwischen Arabern und Israelis seinen Höhepunkt im Sechstagekrieg. Dessen Auslöser war der Rückzug der UNO, Ursache der Suezkrieg von 1956.

Juni 1967: Israelische Soldaten mit dem erbeuteten Porträt des ägyptischen Präsidenten Nasser. - © UllsteinBild/Sven Simon

Juni 1967: Israelische Soldaten mit dem erbeuteten Porträt des ägyptischen Präsidenten Nasser. © UllsteinBild/Sven Simon

Die Israelis kamen in den Morgenstunden des 5. Juni 1967. Durch einen Überraschungsangriff ihrer Luftwaffe gelang es ihnen, den größten Teil der ägyptischen Luftstreitkräfte am Boden zu zerstören. Unter dem Schutz ihrer praktisch unbeschränkten Luftüberlegenheit besetzten ihre Truppen binnen sechs Tagen die Halbinsel Sinai bis zum Suezkanal, den Gazastreifen, die westlich des Jordan gelegenen Teile Jordaniens mit Ost-Jerusalem sowie die syrischen Golanhöhen, von denen aus die Syrer seit Jahren durch Beschießung israelischer Dörfer Zwischenfälle provoziert hatten.

Großen Teilen der ägyptischen Armee, die sich als wenig kampftüchtig erwies, wurde der Rückzug nach Westen abgeschnitten, die Truppen wurden gefangengenommen. Beträchtliches Kriegsmaterial sowjetischer Herkunft fiel den Israelis als Beute in die Hand - die nach ihrer Meinung für den Wüstenkrieg ungeeigneten sowjetischen Panzer verkauften sie später nach Rumänien.

Information

Christoph Rella, geboren 1979, ist Historiker und Redakteur bei der "Wiener Zeitung".

Das Präludium

Der Sechstagekrieg war damit geschlagen, und sollte als der glänzendste Sieg in der Geschichte des damals noch jungen Judenstaates eingehen. Die Vereinten Nationen verurteilten zwar den Feldzug und forderten, als der Krieg am 11. Juni 1967 durch einen Waffenstillstand beendet war, den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten auf die bisherigen Grenzen. Allein die Regierung von Premier Levi Eschkol dachte nicht im Traum daran.

Sie hatte aus ihrer Sicht auch gute Gründe, die mittlerweile zu hoher Bekanntheit gelangte UN-Resolution Nr. 242 zu ignorieren - waren doch diese Grenzen die Waffenstillstandslinien des Unabhängigkeitskrieges von 1949, die aber von den arabischen Nachbarstaaten niemals anerkannt worden waren. Israel forderte direkte Friedensverhandlungen mit Ägypten, Syrien und Jordanien. Vorher war man nicht gewillt, das politische Pfand, das man schon einmal durch einen überwältigenden Blitzsieg in die Hand bekommen hatte, ohne Gegenleistung herzugeben.

Um 1967 zu verstehen, muss man zunächst einmal 1956 verstehen; handelt es sich doch bei der sogenannten Suezkrise, welche die Welt im Oktober 1956 in Atem hielt, um das Schlüsselereignis des Nahostkonflikts - sie kann auch als Präludium zum Sechstagekrieg bezeichnet werden.

Eine wichtige Figur in diesem Ensemble war - wie 1967 - ein Mann namens Gamal Abd el Nasser. Der ägyptische Oberst und Postmeisterssohn aus Alexandria hatte 1954 in Kairo die diktatorische Macht an sich gerissen und zunächst zarte Bande mit Amerika, das ihm für das gewaltige Projekt des Assuan-Staudammes finanzielle Hilfe zugesagt hatte, geknüpft. Um nicht "von den westlichen Imperialisten gekauft" zu erscheinen und seinen Neutralismus zu demonstrieren, kaufte Nasser jedoch Waffen von der Tschechoslowakei und brüskierte damit die USA, mit dem Ergebnis, dass diese die Finanzierung in Frage stellten. Daraufhin verkündete Nasser im Sommer 1956 plötzlich die Verstaatlichung des in britischem und französischem Besitz stehenden Suezkanals.

Die Wogen der Erregung gingen hoch. Die arabische Welt, soweit sie von antiwestlichen und antikapitalistischen Ressentiments erfüllt war, jubelte. Der Westen wiederum war empört über den Rechtsbruch, die Provokation und darüber, dass die Durchfahrt durch den Kanal, die grundsätzlich für alle Schiffe offen sein sollte, nun von Nasser den Handelsschiffen im Verkehr mit Israel versagt wurde.

Während der Westen noch mit Nasser verhandelte, griffen am 29. Oktober 1956, als die Aufmerksamkeit der Welt auf den Freiheitskampf Ungarns gerichtet war, israelische Truppen Ägypten an und stießen siegreich und blitzartig ans Rote Meer und gegen den Suezkanal vor. Unmittelbar danach setzten sich britische und französische Flotteneinheiten Richtung Suez in Bewegung.

Konfuse Weltpolitik

Und dann geschah das Unerklärliche: Briten und Franzosen benötigten dank offenbar miserabler Vorbereitung und Organisation ungefähr eine Woche, bis sie endlich am 5. November in der Lage waren, mit Fallschirmtruppen
Suez zu besetzen. Während dieser Zeit hatte sich die UNO eingeschaltet, wo sowohl die Sowjet-union als auch die USA den Angriff verurteilten und England und Frankreich sich isoliert sahen - umso mehr, als ihnen die klägliche Durchführung ihrer militärischen Aktion wenig internationalen Respekt einbrachte.

Unter dem Druck der beiden Weltmächte gaben London und Paris nach. Am 7. November wurde ein Waffenstillstand geschlossen, wonach sich Engländer, Franzosen und Israelis aus Ägypten zurückziehen mussten. Nasser hatte den Triumph, wenn auch vergällt durch den glänzenden Sieg der israelischen Truppen.

Der Regierung in Tel Aviv wiederum hatte die Suez-Episode eine bittere Erkenntnis gebracht: Nicht nur war man um die Früchte des eigenen Erfolgs gebracht worden, sondern es hatte sich drastisch gezeigt, wie ohnmächtig die beiden stärksten europäischen Staaten weltpolitisch geworden waren. Mit Hilfe von außen, das sollte sich noch im Sechstagekrieg 1967 deutlich zeigen, durfte man in Zukunft nicht mehr rechnen. "Niemand in Israel hatte die Lektion der Krematorien vergessen", schrieb die Außenministerin und spätere Regierungschefin Golda Meir über die Situation im Herbst 1956. "Wir wussten, was totale Vernichtung bedeutet. Wenn wir uns nicht damit abfinden wollten, umgebracht zu werden, nach und nach oder durch einen plötzlichen Überfall, mussten wir die Initiative ergreifen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 16:03:09
Letzte nderung am 2017-06-01 16:30:26



23. Oktober 1817
23. Oktober 1817

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