• vom 07.07.2017, 16:00 Uhr

Geschichte

Update: 07.07.2017, 16:07 Uhr

Astronomie

Der Himmel über Athen




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Von Christian Pinter

  • Vor 175 Jahren legte man nahe der Akropolis den Grundstein zu einem - fast - österreichischen Observatorium.

Die Zeitgenossen hielten die Sternwarte für "eine der ersten Zierden Athens." - © Pinter

Die Zeitgenossen hielten die Sternwarte für "eine der ersten Zierden Athens." © Pinter

Wien, am Morgen des 8. Juli 1842: Der Schatten des Mondes verdunkelt die Stadt. Um die totale Sonnenfinsternis zu beobachten, haben Astronomen in Schönbrunn und im Botanischen Garten Aufstellung genommen.

Als der Mond die Sonne zur Gänze bedeckt, kehrt zwei Minuten lang die Nacht zurück. Hunde kauern sich auf den Boden, Lerchen verstummen, Fledermäuse flattern umher. Die "Wiener Zeitung" berichtet von einem "plötzlichen Ruhen der meisten lärmenden Geschäfte". Adalbert Stifter erzählt von "unartikulierten Lauten der Bewunderung und des Staunens". Menschen ergreifen einander an den Händen. Manche weinen.

Information

Christian Pinter, geboren 1959, lebt in Wien und schreibt im "extra" der Wiener Zeitung seit 1991 über Astronomie und Raumfahrt. Internet: www.himmelszelt.at

Georg Bouris hätte das Himmelsschauspiel wohl gern gesehen. Doch er ist in Athen unabkömmlich. Hier lässt König Otto I. den Grundstein zu einer Sternwarte legen. Auch Bouris, ihr nominierter Leiter, hält eine Rede. In Athen wird die Sonne aber nur zu zwei Dritteln vom Mond bedeckt. Es bleibt daher taghell. Wer durch Schutzgläser schaut, bei dem kommen unliebsame Erinnerungen hoch: Die in eine Sichel verwandelte Sonnenscheibe ähnelt in Form und Lage jetzt ausgerechnet dem türkischen "Halbmond"!

Kämpfe um Autonomie

Seit dem 15. Jahrhundert war Griechenland Teil des Osmanischen Reichs. Doch schließlich regte sich Widerstand. Alexander Ypsilantis, 1792 in Konstantinopel geboren, bereitete Aufstände in Moldau und der Walachei vor. Sein kleines Bataillon wurde 1821 aufgerieben. Als der fliehende Kämpfer die Grenze nach Österreich überschritt, ließ ihn Staatskanzler Klemens Metternich einsperren. Ypsilantis starb kurz nach seiner Freilassung in Wien, im Alter von 36 Jahren.

Auf dem Peloponnes waren die Aufstände erfolgreicher. Europäische Intellektuelle unterstützten sie. Der Bayernkönig Ludwig I. verfügte unter anderem, das "i" im Namen "Baiern" verbindlich gegen das griechische Ypsilon zu tauschen. Schließlich griffen England, Frankreich und Russland gegen die Osmanen ein, freilich von eigenen Interessen angetrieben. 1827 entschieden sie die Seeschlacht von Navarino für sich.

Prinz Otto, der in Salzburg geborene, 16-jährige Sohn Ludwig I., wurde zum König Griechenlands bestimmt. In seinem Auftrag prägte der preußische Architekt Gustav Eduard Schaubert das neue, klassizistische Stadtbild Athens mit. Er zeichnete auch die ersten Pläne für die Athener Sternwarte.

Als Standort wählte man den 105 Meter hohen, zerklüfteten Kalksteinhügel westlich der Akropolis, auf dem in der Antike Nymphen verehrt wurden. Die endgültige Ausführung übernahm der dänische Architekt Theophil Hansen. Er hatte sich 1837 in Athen niedergelassen, um den antiken Baustil zu studieren. Jetzt zieht er einen "Tempel der Astronomie" auf dem Nymphenhügel hoch, erschaffen aus weißem Marmor.

Doch schon kurz nach der Grundsteinlegung kommt es zum Volksaufstand gegen den König, Otto I.: Danach wird seine Macht beschränkt. Hansen folgt einem Ruf aus Wien, wartet zuvor jedoch die Fertigstellung seiner Sternwarte ab. Das ganze Projekt wird von Österreich aus finanziert!

Seit dem 17. Jahrhundert haben sich immer mehr Griechen in Wien angesiedelt - bevorzugt rund um den Fleischmarkt. Die meisten betreiben Orienthandel, importieren z.B. Kaffee, Tabak oder Teppiche. Die erfolgreichen Kaufleute verleihen auch Geld.

Simon Sina der Ältere ließ sich um 1800 in Wien nieder. Er machte sein Vermögen mit der Einfuhr von Baumwolle. Nun leitet sein Sohn Georg, geboren am 20. November 1783 in Moschopolis, die Geschäfte. Er und sein Bankhaus sind mit Verkehrsprojekten verwoben: etwa mit der Pferdeeisenbahn Budweis-Linz-Gmunden, dem Wiener Neustädter Kanal, der späteren Südbahn von Wien nach Gloggnitz oder der Wien-Raaber Bahn. Georg Sina gilt schließlich als einer der reichsten Männer der Monarchie. Er kann sich Bau und Betrieb einer Sternwarte leisten.

Wiener Einfluss

Der Gründungsdirektor Georg Bouris ist 1802 in Wien zur Welt gekommen. Hier hatte seine aus Ioannina geflohene Familie eine neue Heimat gefunden. Der Kaufmannssohn studierte zunächst Philosophie und Recht, sattelte dann jedoch auf Physik, Mathematik und Astronomie um. Bereits als 24-Jähriger leitete er die griechische Schule in Wien. Dann begann er, Physik an der Athener Universität zu lehren. Vermutlich war er es, der die Idee zum Bau der Sternwarte hatte.

1847 wird sie von Otto I. feierlich eröffnet. Zeitgenossen loben die "Schönheit und Nettigkeit" des Bauwerks. Es werde von Einheimischen und Fremden "als eine der ersten Zierden Athens betrachtet", heißt es in einem Bericht. Tatsächlich ist damit auch die erste reine Forschungsinstitution im neuen Griechenland entstanden. Die hochaufragende Kuppel schützt ein schlankes Linsenteleskop mit 16 cm Objektivdurchmesser. Es stammt vom Wiener Optiker Simon Plößl.

Doch Direktor Bouris verbringt seine Nächte vorwiegend am Meridiankreis. Dieses Spezialinstrument mit seiner 9,5 cm großen Objektivlinse hat der Instrumentenbauer Christoph Starke hergestellt, in der Werkstatt des k.k. Polytechnischen Instituts zu Wien. Es lässt sich nur nach Süden ausrichten, das jedoch äußerst exakt. Mit diesem Instrument und zwei Pendeluhren bestimmt Bouris die himmlischen Koordinaten von weit über tausend Sternen.

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Dokument erstellt am 2017-07-07 14:00:16
Letzte nderung am 2017-07-07 16:07:54



26. September 1817
26. September 1817

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