• vom 16.07.2017, 15:00 Uhr

Geschichte


Brasilien-Expedition

Wissenschaftliche Hochzeitsreise




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Von Christian Hütterer

  • Vor zweihundert Jahren brach eine österreichische Expedition nach Brasilien auf. Ihr wissenschaftlicher Leiter, Johann Natterer, erforschte neunzehn Jahre lang die Flora und Fauna des Landes.



Aufbruch der beiden Fregatten "Austria" und "Augusta", Stich von Giovanni Passi.

Aufbruch der beiden Fregatten "Austria" und "Augusta", Stich von Giovanni Passi.© Bildarchiv ÖNB Aufbruch der beiden Fregatten "Austria" und "Augusta", Stich von Giovanni Passi.© Bildarchiv ÖNB

Im Mai 1817 wurde in Wien eine große Hochzeit gefeiert: Erzherzogin Maria Leopoldine, die vierte Tochter von Kaiser Franz I., heiratete den portugiesischen Kronprinzen Pedro. Der Bräutigam selbst war an diesem Tag allerdings im fernen Rio de Janeiro, dem damaligen Sitz des portugiesischen Hofes, und musste von Erzherzog Karl vertreten werden. Diese Hochzeit sollte eine dynastische Verbindung zwischen Österreich und Portugal schaffen, war aber auch der Anlass für ein wissenschaftliches Großunternehmen: Eine österreichische Expedition sollte in das damals noch weitgehend unerforschte Brasilien aufbrechen.

Ein kurzer Blick zurück: Das am Rande Europas gelegene Portugal war selbst zwar klein, wurde aber durch seine Kolonien, allen voran das riesige Brasilien, beträchtlich aufgewertet. Während der Napoleonischen Kriege war Portugal von französischen Truppen besetzt worden, und sein König war über den Atlantik nach Rio de Janeiro geflohen. Auch nach der Befreiung seiner Heimat war der portugiesische König in Brasilien geblieben, und so musste die frisch vermählte Leopoldine zu ihrem Bräutigam nach Südamerika reisen. Eine naturwissenschaftliche Expedition sollte sie nach Brasilien begleiten, um noch unerforschte Landesteile zu erkunden. Vor allem aber sollte sie den Hunger nach exotischen Schaustücken stillen und Exponate für die kaiserlichen Sammlungen nach Wien bringen.

Information

Christian Hütterer, geboren 1974, lebt in Brüssel und arbeitet als Politikwissenschafter und Historiker.

Die Ankündigung, dass eine Forschungsreise nach Brasilien geplant werde, sorgte für Aufregung unter den österreichischen Wissenschaftern und es gab viele, die sich freiwillig dafür meldeten. Schließlich machten sich 14 Personen - neben den Forschern auch zwei Maler - auf den Weg nach Südamerika.

Der Kopf des Ganzen

Der Mann, der die Expedition prägen sollte, war Johann Natterer. Er war bei Beginn der Expedition mit 30 Jahren noch vergleichsweise jung, hatte aber bereits mehrere Sammelreisen unternommen und durch seine langjährige Tätigkeit im Naturalienkabinett auch Erfahrung mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Exponaten. Die Expedition erregte auch über die Grenzen Österreichs hinaus Aufmerksamkeit, und so schlossen sich Wissenschafter aus Bayern und der damals von Habsburgern regierten Toskana der Reise an.

Zwei Schiffe der österreichischen Marine, die "Austria" und die "Augusta", sollten die Expedition über den Atlantik bringen. Dass die Reise nach Brasilien nicht nur wissenschaftliche Gründe hatte, sondern auch die Handelsbeziehungen verbessern sollte, konnte man an der Fracht dieser Schiffe erkennen. Eine Auswahl von österreichischen Produkten - Glas, Waffen, aber auch ungarische Weine - wurde von ihnen nach Rio de Janeiro gebracht, um den brasilianischen Markt für die österreichische Wirtschaft zu erschließen.

Am 10. April 1817 war es soweit und die beiden Schiffe konnten ihre Reise nach Südamerika beginnen. Doch der Anfang der Expedition stand unter keinem guten Stern: Schon wenige Stunden nach der Abfahrt aus dem Hafen von Triest zog ein schwerer Sturm auf. Während die "Austria" heil davonkam und die Fahrt nach Brasilien fortsetzen konnte, wurde die "Augusta" schwer beschädigt und musste wochenlang repariert werden. Doch damit nicht genug: Nachdem das Schiff instand gesetzt war, segelte die "Augusta" nach Gibraltar, musste dort aber mehr als zwei Monate lang auf jene portugiesischen Schiffe warten, die Erzherzogin Louise nach Brasilien bringen sollten. So kam es, dass trotz der gleichzeitigen Abfahrt aus Triest die "Austria" im Juli, die "Augusta" aber erst im November 1817 in Rio de Janeiro eintraf.

Die damalige Hauptstadt Brasiliens sollte das Hauptquartier der Expedition sein, von dort aus sollten die Teilnehmer in kleinen Gruppen Reisen in das Land unternehmen. Die Natur Brasiliens entpuppte sich als wahre Schatzkiste, und der Leiter der Expedition schrieb voller Begeisterung für das Land nach Wien: "Aber wie ungemein anziehend sind doch die wildschönen Gegenden für den Naturforscher!"

Allerdings waren die Mitglieder der Expedition bald mit vielen Problemen konfrontiert, die vor der Abreise aus Österreich unbekannt oder einfach nicht bedacht worden waren. Die Straßen und Wege in Brasilien waren schlecht ausgebaut und die Versorgung der Expeditionen in den abgelegenen Gebieten gestaltete sich schwierig. Die Forscher waren daher mit großen Mengen an Ausrüstungen unterwegs, denn sie mussten davon ausgehen, dass in den Zielgebieten nicht einmal das Allernötigste besorgt werden könnte. Neben den wissenschaftlichen Materialien und Vorräten mussten die Tragtiere auch noch unzählige Ochsenhäute schleppen, damit man bei den häufigen Regenfällen das Material abdecken konnte. Neben dem Regen waren Ameisen und Termiten eine ständige Bedrohung für die gesammelten Objekte, und der Transport der Exponate nach Rio de Janeiro war meist schwieriger als erwartet.

Behinderungen

Bereits im Juni 1818 kehrten die ersten Expeditionsteilnehmer nach Österreich zurück und brachten Exponate mit nach Wien. Die wirklich großen Reisen in das Landesinnere sollten zu dieser Zeit aber erst bevorstehen, denn bis dahin waren die Forscher vor allem in den Gegenden nahe der Küste unterwegs gewesen. Die Vorbereitungen dafür dauerten aber länger als erwartet, denn die portugiesischen Behörden waren nur sehr zögerlich bei der Ausstellung von Reisegenehmigungen - die Geheimnisse um die Fundstellen von Gold und Diamanten sollten gewahrt bleiben. Als schließlich 1821 aus politischen Gründen Unruhen ausbrachen, hatte das auch Auswirkungen auf die Forscher: Die Expedition wurde aufgelöst und allen Teilnehmern wurde befohlen, nach Österreich zurückzukehren.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-14 13:42:10
Letzte ─nderung am 2017-07-14 14:35:14



24. September 1817
24. September 1817

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