• vom 04.09.2017, 18:39 Uhr

Geschichte

Update: 04.09.2017, 18:55 Uhr

Archäologie

Frauen auf Wanderschaft




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Von Eva Stanzl

  • Mobile Frauen und Kinder waren der Schlüssel für den Kulturaustausch am Anfang der Bronzezeit.

Diese Frau kam aus der Fremde und wurde im Lechtal wie eine Einheimische bestattet.

Diese Frau kam aus der Fremde und wurde im Lechtal wie eine Einheimische bestattet.© Stadtarchäologie Augsburg Diese Frau kam aus der Fremde und wurde im Lechtal wie eine Einheimische bestattet.© Stadtarchäologie Augsburg

Augsburg/Wien. Dass der Mensch schon in der Steinzeit viel unterwegs war, vermittelt der Zeichentrickheld Fred Feuerstein, der sich mit einem "Yabba Dabba Doo!" ins Laufauto schwingt, um zum Bowling oder ins Wochenende zu düsen. Deutsche Forscher haben nun nachgewiesen, dass die Autoren der Trickserie im Grunde richtig lagen: Steinzeit-Menschen waren tatsächlich mobil. Jedoch reisten in Wirklichkeit nicht die Männer, sondern die Frauen und Kinder, und sie legten weit größere Distanzen zurück als die Feuersteins.

Frauen und Kinder waren der Schlüssel zum kulturellen Austausch im Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit, berichten Archäologen der Ludwig Maximilians-Universität in München und des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften. Vor 4000 Jahren übersiedelten europäische Frauen ab dem 17. Lebensjahr von ihren Heimatorten zur Familiengründung in die bis zu 500 Kilometer entfernten Höfe ihrer Ehemänner. Im Gepäck hatten sie Bronzegeräte und andere Werkzeuge und Neuerungen aus Metall. Die Männer blieben dagegen zeitlebens an ihrem Geburtsort. Diese Form der gesellschaftlichen Organisation war auch kein vorübergehendes Phänomen, sondern sie wurde über 800 Jahre praktiziert. Zu diesem Schluss kommen die Wissenschafter anhand von Analysen der sterblichen Überreste von 84 Individuen, die zwischen 2500 und 1650 vor Christi Geburt im bayerischen Lechtal in der Nähe von Augsburg lebten.

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"Die Erkenntnisse stoßen Annahmen, wonach stets die Männer auf Wanderschaft gingen und die Frauen das Haus hüteten, auf den Kopf", sagt Studienleiter Philipp Stockhammer vom Institut für Prähistorische Archäologie der Uni München: "Am Ende der Steinzeit und am Beginn der Bronzezeit waren die Frauen die mobilste Gesellschaftsgruppe. Sie etablierten Netzwerke und brachten, wie Gräberfunde zeigen, technisches Wissen mit. Bisher ist der Fund einzigartig. Nun muss untersucht werden, ob Menschen in anderen Regionen ähnlich organisiert waren."

Netzwerk zwischen Regionen
Aus den Zähnen der Toten analysierten die Forscher das Erbgut sowie Sauerstoff und Strontium-Atome, die sich in jungen Jahren bilden und somit über die Herkunft Aufschluss geben. "Wir haben entdeckt, dass zwei Drittel aller weiblichen Bestatteten im Lechtal fremde Frauen waren", erklärt Stockhammer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Zugewanderten waren jedoch so wie die Einheimischen mit angewinkelten Armen und Beinen in Höckergräbern bestattet. Die Gesichter wurden zur aufgehenden Sonne nach Osten gerichtet, wobei die Köpfe von Frauen und Mädchen im Süden und jene von Männern im Norden lagen.

Verblüffend war für die Forscher auch, dass die Mütter der bestatteten Kinder lokale Frauen waren. Von den Migrantinnen wurde kein einziges Kind gefunden - ihre Kinder fehlen. "Da es unwahrscheinlich ist, dass sie keine Kinder bekamen, kann es sein, dass ihre Nachkommen wieder in die Ferne geschickt wurden. Somit gab es neben der weiblichen auch eine kindliche Mobilität", erläutert der Archäologe. Alternativ sei ein Austausch möglich: Wer seine Tochter in die Ferne schickte, bekam Enkelkinder zurück. "Wir wissen es nicht", sagt Stockhammer, "das Ergebnis ist aber ein Netzwerk zwischen den Regionen, von Augsburg bis Mitteldeutschland und Böhmen".

Doch warum war die Gesellschaft so organisiert? Im Lechtal fanden die Forscher keine Gräber von reichen, gesellschaftlichen höher gestellten Menschen oder Häuptlingen. Da sie auch keine Hinweise auf fest etablierte Machtpositionen haben, gehen sie davon aus, dass die Gesellschaft auf der Basis von Familienverbänden und Bündnissen organisiert war und das Leben auf Bauernhöfen stattfand. Und da es aus anderen bäuerlichen Kulturen bis ins 20. Jahrhundert Hinweise auf Inzucht gibt, vermutet Stockhammer, dass durch den Austausch Inzucht, die mit genetischen Problemen und Krankheit einhergeht, vermieden werden sollte: "Fremde Frauen waren fantastisch für den genetischen Mix." Warum in diesem System aber die Männer nie wanderten, wissen die Forscher nicht. Auch die Verkehrsmittel bleiben rätselhaft. Darüber, ob es Karawanen mit Ochsenkarren oder erste Pferde hab, können sie nur spekulieren.




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Dokument erstellt am 2017-09-04 16:54:09
Letzte ─nderung am 2017-09-04 18:55:05



24. September 1817
24. September 1817

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