• vom 16.09.2017, 09:00 Uhr

Geschichte


Weltpolitik

Diplomatie und Mystik




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Am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert bezog etwa der dänische Aufklärer Jens Baggesen (1764-1826), der sich, wie Hammarskjöld, an der Philosophie und Poesie Friedrich Schillers orientierte, den erhabenen Standpunkt des Weltbürgers: "Ich war Weltbürger, ehe ich Staatsbürger wurde, und ich bleibe Weltbürger, wenn ich einmal aufgehört habe, Staatsbürger zu sein. Als Weltbürger betrachte ich alles von einem erhabenen Standpunkt. - Was sich aus dem Gesichtspunkt des Untertanen als unübersteigbarer Berg darstellt, verliert sich aus dem Gesichtspunkt des reflektierenden Denkers, der das Ganze übersieht, zum Ameisenhaufen. Arbeite im Einzelnen, heißt es, aber denke im Ganzen".

Wille zur Hingabe

Baggesen formulierte damit eine frühe, wenn nicht sogar die erste Fassung des im 20. Jahrhundert populär gewordenen Slogans "Global denken - lokal handeln". Der Mensch, so ließe sich folgern, muss erst wieder zum Weltbürger werden, der wieder sehen kann, was er, seit er zum Staatsbürger geworden war, nicht mehr sehen hat können.

Mystische Versenkung und technische Einrenkung waren für Hammarskjöld zusammenwirkende Momente von Gestaltung, dazu ein Wille zur Hingabe, verbunden mit eigensinniger Steuerung; wie ein Schiff, das sich den überwältigenden Kräften der hohen See ausliefert, um darin genau seinen Kurs zu halten. Er war ein fabelhafter Geist, der den Kosmos oder die Landschaft wie beseelte Wesen wahrzunehmen vermochte, während er die Krisenfelder der Welt nüchtern analysierte und administrierte. Hammarskjölds Staatskunst lässt die Magie nicht hinter sich, um die Probleme der Welt vernünftig zu lösen, sondern sie pendelt zwischen der Mystik und der Technik, um vernünftig handeln zu können.

Wenn sich die G 20, wie zuletzt in Hamburg, mit all ihren Schlachtenbummlern im Gefolge treffen, sprechen Politiker und Journalisten vom Ansatz einer Weltregierung. Sie leben, wie die globalen Aktivisten, ganz im Medium der Politik, treu dem Slogan der 68er-Bewegung, "Alles ist politisch". Hammarskjölds Lebenswerk wäre ihnen kein Zeichen am Weg zum Fortschritt, eher ein Stolperstein.

Mysteriöser Absturz

Dag Hammarskjöld starb in der Nacht auf den 18. September 1961, weil sein Flugzeug in Afrika abstürzte. Mit ihm starben 15 Menschen. Offizielle Untersuchungen sprachen von einem Unglück, doch weder damals noch heute traut(e) die Öffentlichkeit dieser Auskunft. Unter den vielen Mutmaßungen und Erklärungsversuchen zu seinem Tod sind Verschwörungstheorien nach wie vor die glaubwürdigsten.

Der UN-Generalsekretär war im Kongo eigensinnig unterwegs gewesen, um die Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga rückgängig zu machen. Dazu hatte er im Sommer 1961 die Blauhelme in zwei Aktionen, die sich gegen ausländische Söldnertruppen richteten, erstmals offensiv eingesetzt, was ihm eine Resolu-tion des UN-Sicherheitsrates zwar formal erlaubte, für die nicht ausreichend informierten und konsultierten Großmächte aber überraschend kam.

Als US-Präsident Kennedy davon hörte, soll er außer sich gewesen sein. Doch ein halbes Jahr nach Hammarskjölds Tod, am 14. März 1962, bat Kennedy dessen engsten Mitarbeiter, Sture Linnér, ins Weiße Haus, um sich für seine, wie er bekannte, ungerechtfertigte Kritik an Hammarskjölds Kongo-Politik zu entschuldigen. Er ergänzte: "I realize now that in comparison to him, I am a small man. He was the greatest statesman of our century." Als einziger Mensch bisher bekam Dag Hammarskjöld den Friedensnobelpreis 1961 postum verliehen.

Im September 1961 erschien die Nr. 1 der Romanheft-Serie "Perry Rhodan". Der deutsche
Sciencefiction-Autor Karl Herbert Scheer hatte eine Figur geschaffen, die die Welt vor dem Untergang zu retten und die Menschheit zu vereinen versucht. Das Vorbild für die Figur, so behauptet eine schwedische Studie, war Dag Hammarskjöld. Die Weltregierung wurde erfolgreich utopisiert. Auf der Welt war kein Platz mehr für sie.


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Dokument erstellt am 2017-09-14 17:00:14
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24. Oktober 1817
24. Oktober 1817

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