• vom 30.09.2017, 16:00 Uhr

Geschichte


Gemeindebauten

Wohnraum für den "neuen Menschen"




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Den "Schöpfern des neuen Wien" geht es um nichts weniger als die Errichtung einer neuen Gesellschaft mit "neuen Menschen": "Die Menschen, die in unseren neuen Häusern wohnen, sind neue Menschen, leben und atmen nicht nur in neuen Räumen, sondern fühlen und denken auch anders."

Wie diese "neue Menschen" aussehen sollen, illustriert die Frauenzeitschrift "Die Unzufriedene" am 30. August 1930: Auf der "Ringstraße des Proletariats", vor dem neuerrichteten Reumannhof steht sie, die idealtypische Arbeiterfamilie, selbstbewusst in die Zukunft blickend: Der Arbeiter mit entschlossenem Blick, die Frau modern gekleidet, mit Kurzhaarfrisur - "lange Haare, kurzer Verstand"! - , die Kinder sauber und adrett. In einem kleineren Bildfeld links sind als Kontrast dazu die typischen Vertreter des dekadenten und verrotteten Bürgertums dargestellt, mit Zylinder, Gehrock und Spazierstock - die alte, dem Untergang geweihte Welt . . . (siehe Abbildung)

Ein Gesellschaftsmodell, das auch engagierte junge Linke, die selbst oft aus dem wohlhabenden Großbürgertum stammen, begeistert. Wie etwa die spätere Pionierin der empirischen Sozialwissenschaft, Marie Jahoda, die mit ihrem damaligen Lebensgefährten Paul Lazarsfeld eine Wohnung im eben errichteten Karl-Marx-Hof bezieht und sich auch in ihrer Freizeit für die Sozialdemokratie engagiert. Jahrzehnte später beschreibt sie die damals vorherrschende Stimmung: "Austromarxismus war nicht nur ein Versprechen für eine bessere Zukunft, sondern eine das ganze Leben umfassende Aktivität. Von den Wohnbauten zu den Arbeitersymphoniekonzerten, von der Schulreform zum Schilaufen, von den Kinderkolonien zum Kaninchenzüchten, tatsächlich von der Wiege bis zum Grab, hat die Bewegung das Leben von Hunderttausenden bereichert."

Der "neue Mensch", das ist eine Vision, die im "kurzen 20. Jahrhundert" (Iván T. Berend) von den unterschiedlichsten Ideologien aufgegriffen wird, und - wie es im Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden heißt - gleichermaßen Diktatoren und Schlächtern wie auch Revolutionären, Aufklärern und Humanisten als Leitbild dient. Der "neue Mensch", das ist eine "Obsession des 20. Jahrhunderts", der sich auch Politiker wie Karl Seitz, Julius Tandler oder Otto Bauer, Persönlichkeiten des Roten Wien, deren demokratische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist, nicht entziehen konnten.

Schöne Utopie

Fortschrittsoptimismus und "Wissenschaftsgläubigkeit" - der Historiker Michael Schwartz spricht in diesem Zusammenhang von der "naturwissenschaftlichen Frömmigkeit der Sozialdemokratie" - verheißen eine "neue Zeit", geprägt von "neuen Menschen", die in einer besseren - sozialistischen - Gesellschaftsordnung leben. Der "neue Mensch" ist ein an Körper und Geist gesundes, verantwortungsvolles und gebildetes, arbeits- und leistungsfähiges Individuum, das der Befürsorgung nicht mehr bedarf. "Denn", so Julius Tandler 1930, "mit dem Begräbnis des letzten Fürsorgers wird die Menschheit befreit sein."

Eine schöne Utopie, gleichzeitig aber auch eine gefährliche, da in ihrem Keim totalitäre Illusion.

Anzunehmen ist, dass die sozialdemokratische Utopie vom "neuen Menschen" - wäre sie nicht bereits an der unmenschlichen Realität des totalitären Faschismus zerbrochen - vermutlich an sich selbst gescheitert wäre. Heute sind uns die großen gesellschaftspolitischen "Visionen" - glücklicherweise!? - abhanden gekommen und die Gemeindebauten des Roten Wien erfüllen in erster Linie ihre Primärfunktion: Die Bereitstellung leistbaren Wohnraums für breite Bevölkerungsschichten. Aber es schadet nicht, gelegentlich an ihre visionäre Idee zu erinnern.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-29 14:51:08
Letzte nderung am 2017-09-29 14:56:32



19. November 1817
19. November 1817

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