• vom 11.11.2017, 14:00 Uhr

Geschichte


Österreichische Geschichte

Ein "Held der Freiheit"




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Von Brigitte Biwald

  • Am 11. November 1917 starb der letzte noch lebende Abgeordnete des ersten Österreichischen Reichstages von 1848: Hans Kudlich. Er hatte sich vor allem für die Rechte der Bauern eingesetzt.



Hans Kudlich im Revolutionsjahr 1848, zeitgenössische Lithographie von Eduard Kaiser.

Hans Kudlich im Revolutionsjahr 1848, zeitgenössische Lithographie von Eduard Kaiser.© Wikimedia Commons Hans Kudlich im Revolutionsjahr 1848, zeitgenössische Lithographie von Eduard Kaiser.© Wikimedia Commons

Hans Kudlich war im Revolutionsjahr 1848 mit 25 Jahren der Jüngste von den 383 Abgeordneten des Österreichischen Reichstages. Mit seinem Antrag auf "Bauernbefreiung" löste er damals eine der größten Eigentumsverschiebungen in der Geschichte der Donaumonarchie aus.

Geboren wurde Kudlich am 25. Oktober 1823 in Lobenstein/Úvalno in Österreichisch-Schlesien, dem kleinsten Kronland der Donaumonarchie, das heute zu Polen gehört. Er war das jüngste von elf Kindern einer Bauernfamilie. Grundherren waren die Liechtensteiner, die auch in Mähren (bis ins heutige Weinviertel) großen Grundbesitz hatten. Wie sein älterer Bruder Josef Hermann und viele andere Bauernsöhne Lobensteins besuchte Hans Kudlich ab 1834 das Gymnasium in Troppau/Opava.

Neue Freiheitsideen

Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Gymnasialzeit erhielt Hans Kudlich die Erlaubnis (!) der Liechtenstein’schen Herrschaft, in Wien Philosophie und Rechtswissenschaft zu studieren. Dort fand der Neunzehnjährige rasch Anschluss an eine Gruppe schlesischer Landsleute mit ähnlichen politischen Interessen. Schon früh scheint dabei die Bauernfrage ein zentrales Thema gewesen zu sein. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der junge Bauernsohn als Hauslehrer bei den Söhnen des großbürgerlichen Rechtsanwaltes und Fabrikbesitzers Josef August Eltz. Dieser führte den Studenten in den bürgerlich-liberalen Intelligenzclub ein, wo Kudlich mit der Idee einer österreichischen Staatsreform konfrontiert wurde.

Während sich am 13. März 1848 die niederösterreichischen Stände (Adel, Kirche Bürgertum) im Landhaus in der Wiener Herrengasse versammelten, demons-trierten Bürger und Studenten im Innenhof des Gebäudes. Geplant war die Übergabe einer Bittschrift an Kaiser Ferdinand I.. Kudlich trat bei dieser von mehreren Rednern dominierten Kundgebung für die Abschaffung der Robot (unentgeltliche Dienstleistungen für die Grundherrschaft) ein, fand aber kein Gehör. "Juden, Presse, Gewissen, Lehrer und Lernen, alles wurde emanzipiert, nur nicht der Bauer", schreibt er später in seinen Lebenserinnerungen.

Information

Literatur:

Brigitte Biwald: Von Gottes Gnaden oder von Volkes Gnaden? Die Revolution von 1848 in der Habsburgermonarchie. Der Bauer als Ziel politischer Agitation. Wien 1996.

Robert Hausmann: Hans Kudlich (1823-1917) und die Folgen der Revolution von 1848. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark Nr. 100, Graz 2009, S. 9-27.

Die Demonstration, die zu einem Tumult ausartete ("Märzrevolution") wurde durch herbeigerufenes Militär gewaltsam aufgelöst. Es waren zahlreiche Verletzte und fünf Tote zu beklagen. Kudlich selbst wurde durch einen Bajonettstich verwundet und als "Held und Märtyrer der Freiheit" gefeiert. Die Ereignisse bewirkten die Abdankung von Staatskanzler Metternich am 13. März und die Zusage des Hofes, nach der Pressefreiheit auch eine Verfassung (Constitution) zu gewähren.

Hans Kudlich blieb nach seiner Verwundung vorerst noch für einige Zeit in Wien, engagierte sich als Mitglied der rund 1500 Mitglieder zählenden Akademischen Legion für seine Freiheitsideen. Im Mai 1848 kehrte er nach Lobenstein zurück und hielt dort unzählige Versammlungen ab. Dabei forderte er die Bauern auf, die Dienstleistungen gegenüber ihren Grundherrn zu verweigern. Er erklärte, dass mit dem 13. März alle Untertänigkeit und der Robot aufgehört habe. Diese Auftritte waren ausschlaggebend für die Kandidatur zum Österreichischen Reichstag, dem ersten frei gewählten Parlament der habsburgischen Monarchie.

Der wichtige Antrag

Nach seiner Wahl zog Kudlich in den konstituierenden Österreichischen Reichstag ein. Unter den 383 Abgeordneten fanden sich 92 Bauernvertreter (24 Prozent). Sie kamen aus allen Kronländern, aber es überwog die Zahl der slawischen Abgeordneten.

Kudlich stellte bereits in der 3. Sitzung am 26. Juli 1848 den Antrag auf "Aufhebung des Unterthänigkeitsverhältnisses", der wörtlich lautete: "Die hohe Reichsversammlung möge erklären: Von nun an ist das Unterthänigkeitsverhältnis samt allen daraus entsprungenen Rechten und Pflichten aufgehoben, vorbehaltlich der Bestimmungen, ob und wie eine Entschädigung zu leisten sei."

Der Antrag beinhaltete vordergründig nichts Neues. Schon nach den Märzereignissen war den Bauern von der Regierung die Aufhebung der Untertänigkeit in Aussicht gestellt worden. Details, wie die Entschädigung der Grundherren, sollten in den vom Adel dominierten Landtagen verhandelt werden. Kudlich wollte diesen Prozess beschleunigen, aber sein Antrag vom 26. Juli scheint wenig durchdacht gewesen zu sein. Mit den aufzuhebenden Rechten und Pflichten wären auch die den Bauern zustehenden Servitute wie Holzungs- und Weiderechte auf grundherrlichen Besitzungen oder Gemeinschaftsgründen beseitigt gewesen. Tausenden Bauern wäre die Existenzgrundlage entzogen worden. Die Folge dieses unausgereiften Antrags waren endlose Debatten.

Die Entschädigungsfrage hatte Kudlich bewusst offen gelassen, um vorerst eine breite Zustimmung im Reichstag zu finden. Die praktische Durchführung der Entschädigung der Grundherren bildete jedoch das Hauptproblem, Ratlosigkeit war die Folge. Kudlich regte "Parteiengespräche" unter den einzelnen Gruppen des Reichstags an, brachte aber keinen gemeinsamen Antrag zustande. Schließlich wurde nach 35 Sitzungen am 1. September der Kompromissantrag des Salzburger Abgeordneten Joseph Lasser gegen den Willen Kudlichs vom Reichstag angenommen. Damit waren die bäuerliche Untertänigkeit und alle feudalen Lasten aufgehoben. Bezüglich der Entschädigungsfrage einigte man sich auf die ungenaue Formulierung ". . . für einige dieser aufgehobenen Lasten ist eine Entschädigung zu leisten, für andere nicht."


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Dokument erstellt am 2017-11-09 16:29:09
Letzte ─nderung am 2017-11-10 16:59:44



22. November 1817
22. November 1817

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