• vom 07.01.2018, 12:00 Uhr

Geschichte

Update: 07.01.2018, 13:47 Uhr

Stadtgeschichte

Akustische Rückzugsorte




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Von Peter Payer

  • Die Geschichte der öffentlichen Telefonzelle verrät so manches über das Verhältnis von Intimität und Öffentlichkeit.

Telefonzelle in Wien, bei der Urania, um 1920. - © A1 Telekom Austria AG/Archiv

Telefonzelle in Wien, bei der Urania, um 1920. © A1 Telekom Austria AG/Archiv

Im öffentlichen Raum telefonieren zu können, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Mehr oder weniger ungeniert sprechen wir in unser stets griffbereites Handy, auf der Straße, in der Tramway oder in der U-Bahn. Ob uns jemand zuhört oder nicht, versuchen wir geflissentlich auszublenden. Auch wenn sich da und dort heftiger Unmut darüber entlädt, so hat doch ein Abstumpfungs- und Anpassungsprozess eingesetzt. In relativ kurzer Zeit haben sich die gesellschaftlichen Toleranzgrenzen für das, was man allseits hörbar sagen kann respektive darf, verschoben.

Dabei war öffentlich zu telefonieren einst eine streng abgegrenzte, ja beinahe intime Angelegenheit. Telefonzellen, wie sie in Wien und Österreich noch in beträchtlicher Zahl erhalten sind, erzählen genau diese Geschichte. Ihr Design war von Beginn an Ausdruck der Suche nach einem Raum, in dem man sich möglichst effizient abschotten konnte von Lärm und Hektik der Umgebung wie von den Ohren fremder Passanten. Schon Meisterfeuilletonist Alfred Polgar erkannte die wahrnehmungsspezifische Essenz dieser urbanen Innovation: "Aber ist denn das Wesentliche einer Telephonzelle das Telephon? Nein, das Wesentliche sind die vier Wände. Die Enge. Die Ruhe im Lärm."

Information

Peter Payer, Jg. 1962, ist Historiker und Stadtforscher sowie Kurator im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, im März erscheint sein neues Buch "Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien" (Brandstätter Verlag).

In Wien begann der Ausbau des Telefonnetzes in den 1880er Jahren. 1886 wurden erste Versuche mit einer "Isolierzelle" gemacht, die die "nöthige Ruhe" für ein Telefongespräch zwischen Wien und Brünn gewährleisten sollte. Man hielt an der Idee fest, obgleich es nicht an Unbehagen fehlte gegenüber der sich ausbreitenden Telefonierwut, einer - wie ein Zeitgenosse 1891 klagte - "entsetzlichen Verallgemeinerung der Telephonplage, daß an allen Straßenecken, auf allen Plätzen es dem Nächstbesten dem’s beliebt, möglich gemacht werden solle, an einen Telephon-Kiosk heranzutreten und irgend einen, ihm vielleicht ganz fremden, arglosen Mitbürger aus seiner Ruhe herauszutelephonieren."

Telefonzelle am Karlsplatz in Wien, um 1920.

Telefonzelle am Karlsplatz in Wien, um 1920.© A1 Telekom Austria AG/Archiv Telefonzelle am Karlsplatz in Wien, um 1920.© A1 Telekom Austria AG/Archiv

Internationaler Spitzenreiter war Stockholm, wo schon um 1900 eine Vielzahl an öffentlichen Sprechzellen des "Rikstelephons" existierte und von der Bevölkerung intenstivst genutzt wurde. In Wien setzte die Verbreitung derselben etwas verspätet ein. Zunächst wurden in Bahnhöfen, Postämtern und Lokalen öffentliche Sprechstellen eingerichtet, der Außenbereich (Straßen, Plätze, Parks) sollte folgen.

Technische Voraussetzung dafür war der Münzfernsprecher, der unter der Bezeichnung "Telephonautomat" vom Wiener Ingenieur Robert Bruno Jentzsch erfunden wurde. Die von ihm gemeinsam mit Stephan Bergmann gegründete "Telephonautomaten-Gesellschaft m.b.H." erhielt sodann von der staatlichen Postverwaltung die Erlaubnis zur gewinnbringenden Aufstellung derartiger Apparate - ein Telefonat kostete 20 Heller. Am 17. August 1903 ging das erste Gerät am Wiener Südbahnhof in Betrieb. Noch im selben Jahr folgten weitere im Nord- und im Westbahnhof, im Franz-Josefs-Bahnhof, im Café Central in der Herrengasse und in einem Vergnügungseta-blissement in der Prater Hauptallee. Ende 1907 waren in ganz Wien bereits 42 Münzfernsprecher installiert - in eigenen Häuschen, für die sich bald die Bezeichnung "Telefonzelle" etablierte.




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Dokument erstellt am 2018-01-04 16:35:11
Letzte nderung am 2018-01-07 13:47:33



21. Januar 1818
21. Januar 1818

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