• vom 20.01.2017, 15:53 Uhr

Klima

Update: 23.01.2017, 10:29 Uhr

Meeresbiologie

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Von Kerstin Viering

  • Korallenriffe leiden immer stärker unter der Erwärmung und Versauerung der Ozeane. Einige aber trotzen dem Klimawandel.

Einige der kleinen Riffbaumeister scheinen echte Überlebenskünstler zu sein. - © Fotolia/johnwalker1

Einige der kleinen Riffbaumeister scheinen echte Überlebenskünstler zu sein. © Fotolia/johnwalker1

Berlin. Das Jahr 2016 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Nicht nur am Great Barrier Reef in Australien wurden schwere Schäden festgestellt, sondern auch aus dem Pazifik vor dem Inselstaat Kiribati, aus dem Indischen Ozean vor den Malediven und aus Japan kommen Hiobsbotschaften über kränkelnde oder sterbende Riffe. All dies scheint die Befürchtung zu bestätigen, dass die bunten Unterwasserstädte nicht gut für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerüstet sind. Doch Korallenforscher haben nicht nur schlechte Nachrichten. Zumindest einige der kleinen Riffbaumeister sind echte Überlebenskünstler. Vielleicht können auch ihre empfindlicheren Kollegen überleben, wenn sie sich in günstige Refugien zurückziehen.

In das düstere Bild von der Zukunft der Riffe mischen sich also helle Flecken. Dabei haben Korallen heute mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Eine der größten ist die steigende Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid. Sie führt zum einen dazu, dass es vielen Korallen einfach zu warm wird. Dann bleichen sie aus und sterben oft sogar ab. Auch löst sich das Kohlendioxid im Wasser, sodass die Meere saurer werden. Dadurch können die Korallen ihre Kalkskelette schlechter bilden.

Anpassung an Versauerung

"Die Erderwärmung und die damit verbundene Versauerung ist deshalb ein extrem großes Problem für die heutigen Riffe", resümiert Korallen-Experte Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin. Umso verblüffter waren Forscher um Kathryn Shamberger und Anne Cohen vom US-Forschungsinstitut Woods Hole Oceanographic Institution, als sie sich vor den Rock Islands des Pazifik-Staats Palau umsahen. Dort ist das Wasser von Natur aus sauer. Doch das scheint den Riffen nicht zu schaden - ganz im Gegenteil: "Wo das Wasser am sauersten ist, sehen wir eine vielfältigere und artenreichere Gemeinschaft als an weniger sauren Stellen", berichtet Cohen. Einen solchen Trend haben Forscher bisher bei keinem anderen Riff gefunden.

Was aber macht diese Korallen zu Überlebenskünstlern? Berechnungen zufolge könnte der langsame Wasseraustausch in den dortigen Buchten eine Rolle spielen. Er sorgt dafür, dass nur wenige Larven von anderen Riffen dorthin gelangen können. Entsprechend hoch ist der Druck für die lokalen Korallen, sich an die niedrigen pH-Werte anzupassen. Und das ist ihnen gut gelungen.

Was genau ihr Erfolgsgeheimnis ist, wissen die Forscher noch nicht. Und sie sind auch keineswegs sicher, ob dieser Trick auch anderen Riffen das Überleben sichern kann. Denn so konnten Palaus Korallen ihre Strategie in Jahrtausenden entwickeln. So viel Zeit wird den Meeres-Architekten beim aktuellen Klimawandel nicht bleiben. Einen Lichtblick sehen die Forscher dennoch: "Wir hoffen, dass einige Riffe der Versauerung der Zukunft widerstehen können", sagt Cohen. "Selbst wenn es nur ein sehr geringer Prozentsatz ist."

Auch in Bezug auf die steigenden Temperaturen gibt es einen Hoffnungsschimmer. Der kommt aus den mesophotischen Riffen - jenen Ökosystemen, in denen Korallen nicht im lichtdurchfluteten Flachwasser wachsen, sondern in Tiefen zwischen 40 und 150 Metern. "Das kühlere Wasser dort unten könnte für viele Arten bessere Bedingungen bieten als das wärmere an der Oberfläche", so Elaine Baker von der University of Sydney. "Außerdem gibt es in der Tiefe weniger Wellen und Turbulenzen." Das verbessert Wachstumsbedingungen. Und da diese Gebiete weiter vom Land entfernt liegen, ist auch der Druck durch Fischerei und andere menschliche Einflüsse geringer als bei Flachwasser-Riffen. Daraus resultiert die Hoffnung der Experten.

Zwar warnt Baker vor hochfliegenden Erwartungen. Es werde bei weitem nicht für alle Arten von Riffbewohnern ein Rettungsboot in der Tiefe geben. Für einige aber gibt es offenbar Grund zu vorsichtigem Optimismus. So scheinen manche Korallen im tieferen Wasser vermehrungsfreudig zu sein. Nachgewiesen haben Forscher das vor den Amerikanischen Jungferninseln in der Karibik. Dort produziert eine Art namens Orbicella faveolata im tiefen Wasser mehr als zehnmal so viele Eier pro Quadratkilometer wie im flachem.

Klimaschutz hat Priorität

Und auch Fische können den tiefer gelegenen Unterwasserstädten etwas abgewinnen, wie eine Studie von Joshua Cinner von der James Cook University in Australien zeigt, in der Daten aus mehr als 2500 Riffen in 46 Ländern analysiert wurden. Daraus konnten die Forscher Trends ableiten. So sind Riffe in reicheren Regionen meist in besserem Zustand als solche in ärmeren. Wird der Fang nur vor Ort verkauft, bleiben die Fischbestände größer, als wenn er auf dem Weltmarkt landet. Die Einrichtung von Meeresschutzgebieten kann sich positiv auswirken, aber nur bei Einhaltung der Vorschriften.

All diese Zusammenhänge klingen einleuchtend. Trotzdem sind die Forscher immer wieder auf Gebiete gestoßen, die den allgemeinen Trends nicht folgen. Dort gab es deutlich größere Fischbestände, als angesichts der ökologischen und sozialen Situation vor Ort zu erwarten wäre. Und diese "hellen Flecken" liegen oft in der Nähe von mesophotischen Riffen.

Jedoch hängt der Zustand der Fischbestände auch von anderen Faktoren ab. Etwa, wie stark die Bevölkerung beim Management mitmischt. Wo es lokale Eigentumsrechte gibt, Tabus und Nutzungsregelungen gelten und traditionell gefischt wird, geht es den Beständen oft ungewöhnlich gut - gerade in Regionen, in denen die Bevölkerung stark von marinen Ressourcen abhängig ist. Unter solchen Bedingungen entwickeln Menschen offenbar besonders kreative und effektive Lösungen, um Überfischung zu vermeiden und die Riffe zu schützen.

Das alles will Cinner aber nicht als Argument gegen die Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen verstanden wissen. Langfristig werde die Gesundheit der Riffe von der Reduktion der Treibhausgase abhängen. Doch wer Überfischung vermeide, gebe den Unterwasserstädten gute Chancen, mit den Herausforderungen einer wärmeren Zukunft fertigzuwerden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-20 15:59:05
Letzte ńnderung am 2017-01-23 10:29:59



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