• vom 01.12.2017, 15:31 Uhr

Klima

Update: 05.12.2017, 17:22 Uhr

Komplexitätsforschung

"Unser Aussterben ist unser Feind"




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Von Eva Stanzl

  • Damit der Klimawandel uns nicht vernichtet, müssen wir Konflikte beseitigen und zusammenarbeiten, sagt Ökologe Simon Levin.



"Wir müssen heute das Leben in 50 Jahren retten, obwohl dann viele von uns nicht mehr am Leben sein werden": Simon Levin zu Besuch am Complexity Science Hub in Wien.

"Wir müssen heute das Leben in 50 Jahren retten, obwohl dann viele von uns nicht mehr am Leben sein werden": Simon Levin zu Besuch am Complexity Science Hub in Wien.© Stanislav Jenis "Wir müssen heute das Leben in 50 Jahren retten, obwohl dann viele von uns nicht mehr am Leben sein werden": Simon Levin zu Besuch am Complexity Science Hub in Wien.© Stanislav Jenis

Ob Emissionen und Weltklima, Reiseverkehr und Seuchenübertragung oder das Ausfallsrisiko einer Bank: Je vernetzter die Welt ist, desto vielfältiger sind die Zusammenhänge. Komplexitätsforscher versuchen, verwickelte Angelegenheiten einfach zu sehen. Simon Levin, Professor für Ökologie und Mathematische Biologie der Universität Princeton, versteht sich in dieser Disziplin. Am Rande eines Besuchs des Complexity Science Hub in Wien sprach er mit der "Wiener Zeitung" über die Probleme unserer Zeit - und bot die eine oder die andere Lösung an.

"Wiener Zeitung": Österreichs Ex-Kanzler Fred Sinowatz sagte 1983 in seiner Regierungserklärung: "Es ist alles sehr kompliziert." Er wurde damals belächelt. Könnte die Aussage heute als Vorahnung verstanden werden?

Information

Simon Asher Levin, geboren 1941 in Baltimore, ist ein amerikanischer
Ökologe und mathematischer Biologe. Er ist Professor für Ökologie und
Evolution an der Universität Princeton in New Jersey. Levin versucht,
Ökosysteme mit mathematischen Modellen zu verstehen.

Simon Levin: Die Probleme heute sind insofern kompliziert, als dass die Gesellschaft voller Interessenskonflikte ist. In simplen Systemen bewegt sich jeder in die gleiche Richtung. Das ist heute aber keineswegs der Fall. Wer einen Teil verändert, beeinflusst viele andere Elemente einer Sache. Wir alle wollen ein besseres Leben, aber was wir gewinnen, wirkt sich auf die Mitmenschen, die Umwelt oder das Klima aus. Alles, was wir tun, könnte Probleme für andere Mitglieder der Gesellschaft schaffen.

Wie kommt man zum Punkt?

Wir Komplexitätsforscher versuchen es mit mathematischen System- und Netzwerkanalysen. Bei der Suche nach neuen Regelungen wiegen wir Gewinn gegen Verlust auf und suchen nach Lösungen, die für möglichst viele Menschen möglichst gerecht sind. Das ist ein bisschen, als würde ich mit mir selbst verhandeln, ob ich Schokolade essen soll: Ein Teil würde sie am liebsten täglich verspeisen, der andere kennt die Konsequenzen davon. Also muss ich mir überlegen, wir dringend, wie oft und wie viel ich davon will.

Welche Antworten gibt die Natur auf große Fragestellungen?

Variation treibt die Evolution, Diversität schafft neue Chancen und jede Herrschaft ist fragil. Wer die Variation unterdrückt, verliert Innovationskraft. Aus diesem Grund müssen wir Ressourcen nutzen, dürfen sie aber nicht ausbeuten, und müssen stets flexibel reagieren. Das Immunsystem zeigt uns, wie das geht. Die Selektion wusste, dass wir von Keimen bedroht sein würden. Nicht vorhersehbar ist jedoch, welche Keime es sein werden. Das Immunsystem bekämpft daher alle Viren zunächst mit einer generellen Abwehr und erzeugt erst später spezialisierte Antikörper. Ähnlich ist es bei finanziellen Risiken, Terrorismus oder Cyberterror: Sicher ist nur, dass sie eintreffen, aber wir wissen nicht gegen wen, wann, wo oder wie. Daher benötigen wir zuerst eine generelle Abwehr - etwa im Finanzsystem indem wir den Handel aussetzen, wenn die Märkte in den Keller rasseln. Die Pause gibt Zeit zum Entwurf von Ausgleichsmaßnahmen. Auch Tiere schaffen ständig einen Ausgleich: Sie verbreiten Samen, legen Reserven an, suchen neue Nahrungsquellen und sind ständig aktiv, um ihren Platz auf der Welt zu sichern und die Zukunft zu antizipieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 15:35:06
Letzte Änderung am 2017-12-05 17:22:55



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