Montréal. (afp) "Man könnte ein Kind, das unter Brandwunden leidet, in eine virtuelle Polarwelt versetzen und damit den Schmerz dämpfen", behauptet Patrick Dubé, der im kanadischen Montréal ein Team von Ärzten des Sainte-Justine-Krankenhauses und Computer-Fachleuten leitet. Es sei bekannt, dass kognitive Illusionen Einfluss auf die Wahrnehmung von Schmerz hätten, so Dubé. So könne das brandverletzte Kind durch eine Stimulation der Sinne das Gefühl bekommen, von einem Eisblock umschlossen zu sein - und dadurch weniger Schmerzen haben. Ein anderer kleiner Patient könne durch dreidimensionale Bilder vom Kinderzimmer daheim vergessen, dass er fern von zu Hause in einer Klinik liegt.
Dir Forscher arbeiten in der Satosphère, dem Sitz der Gesellschaft für Kunst und Technologie. Zur Satosphère gehört ein Kuppelbau von 18 Metern Durchmesser, in der 360-Grad-Projektionen rund um die Zuschauer möglich sind. Die Wissenschafter erforschen dort neue Therapiemöglichkeiten durch Technologien, die Menschen in eine künstliche Welt eintauchen lassen können. In der Praxis heißt das, dass etwa durch verschiedene Projektoren ganze Raumwelten entstehen können - sogar mitsamt Mobiliar. Um konkret für ihre medizinischen Zwecke zu forschen, haben die Dubé und sein Team ein künstliches Krankenzimmer aufgebaut.
Ein Projekt ist die virtuelle Verwandlung medizinischer Instrumente in Spielzeug. So lässt die kleine Tochter eines Forschers aus einer Spritze eine Rakete entstehen, die eine Rolle in einem Videoclip spielt. Technisch möglich wird das durch eine mit einem Computer verbundene Videokamera und zwei Bildschirme.
Ziel ist es, Kinder mit medizinischem Gerät vertraut zu machen und ihnen ihre Furcht davor zu nehmen. Parallel arbeiten die Forscher an Avataren - virtuellen Personen, die stellvertretend für echte Menschen stehen. Diese sollen traumatisierten Kindern die Kommunikation mit Erwachsenen ermöglichen, wenn sie sich nicht direkt mitteilen möchten.
Weg in ein normales Leben
Die Projekte hätten ein Ziel: Kranken Kindern zu helfen, ihre Ängste zu überwinden, sagt die Psychiaterin Patricia Garel vom Sainte-Justine-Klinikum. Die Technologie habe ein enormes Potenzial, doch noch stünden die Forscher am Anfang. Zwar können virtuelle Kommunikation und Videospiele negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten von Kindern haben. Garel betont aber, dass die in Montréal erforschten Technologien, sofern man sie korrekt anwendet, traumatisierten Kindern einen Weg zurück in ein normales Leben zeigen können.