• vom 16.03.2012, 14:20 Uhr

Mensch

Update: 16.03.2012, 14:59 Uhr

Philosophie

Verklärung und Resignation




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Von Nikolaus Halmer

  • Das Alter und der Tod sind immer schon Gegenstände des philosophischen Nachdenkens gewesen. Aber die Urteile über die letzte Lebensphase fallen sehr unterschiedlich aus.

Nicht nur der Philosoph Cicero wusste, dass es heilsam ist, auch im hohen Alter die Liebe nicht zu vergessen... - © Willy Puchner

Nicht nur der Philosoph Cicero wusste, dass es heilsam ist, auch im hohen Alter die Liebe nicht zu vergessen... © Willy Puchner

"Bereiten wir dem Alter einen freudigen Empfang, lieben wir es; es ist reich an Annehmlichkeiten, wenn man es zu nutzen weiß." Selten erfuhr das Alter eine so freundliche Würdigung. Sie stammt von dem römischen Philosophen Seneca, der im 12. Brief an Lucilius ein Loblied auf das Alter singt. Da sind noch keine Jeremiaden über die Nachteile und Gebrechen des Alters zu vernehmen, wie sie von vielen Philosophen und Schriftstellern vorgetragen wurden.

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Lernen und Lieben
Eine ähnlich positive Haltung findet sich bei dem römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert lebte. Als 63-jähriger Senator verfasste er eine Verteidigung des Alters, in der er die Vorteile dieses Lebensabschnitts beschreibt. Cicero gibt auch konkrete Anweisungen, die verhindern sollen, dass sich die Alternden passiv mit der Rolle des unproduktiven Greises begnügen. Er empfiehlt, auf die Defizite des Alters aktiv zu reagieren. Eine Strategie, den Alterungsprozess positiv zu gestalten, besteht im Lernen. Denn durch das ständige Lernen im Alter werden geistige Kräfte geschult, mit denen die Minderung der körperlichen Kraft kompensiert wird. Ein weiterer wichtiger Faktor für das Wohlbefinden im Alter ist die Bewegung, wie sie exemplarisch im Laufen vollzogen wird.

Schließlich gibt Cicero den Ratschlag, auch im Alter nicht auf die Liebe zu vergessen. Der Philosoph und Soziologe André Gorz, der eng mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet war, hat dies befolgt. In seinem Buch "Brief an D. Geschichte einer Liebe" formulierte Gorz eine berührende Liebenserklärung an seine Frau Dorine: "Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert", heißt es da, "kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag."

Eine völlig konträre Sichtweise des Alters findet sich bei der französischen Philosophin Simone de Beauvoir. In ihrer bahnbrechenden Studie "Das Alter", die nach der Publikation im Jahr 1970 großes Aufsehen erregte, wollte sie "die umfassende Verschwörung des Schweigens brechen", die alte Menschen betraf. Sie ging davon aus, dass das eigene Alter das Nicht-Realisierbare darstellt, da es kein Gegenstand innerer Erfahrung ist. Vielmehr konfrontiert uns das Alter mit unserer Endlichkeit: mit den Grenzen unserer Zukunft und dem Eingeschlossensein in eine historische Epoche und ihrem Gewicht der Vergangenheit.

Das Alter wird vielfach mit Gebrechlichkeit, Verfall und Demenz gleichgesetzt und löst ein existenzielles Trauma aus. Die Tatsache des Alters und des Alterns bewirkt eine tiefgreifende Verstörung. Der langsam einsetzende Prozess des Alterns bedeutet einen Einschnitt in das gewohnte Leben; körperliche und geistige Defizite machen sich bemerkbar; man wird allmählich zu "einem Wesen fremder Art".

Schock des Alterns
Zahlreiche Schriftsteller und Philosophen beschreiben den Schock - das "tiefe Erschrecken vor dem Ich" -, wenn sie sich zum ersten Mal mit dem Faktum des Altwerdens ernsthaft auseinandersetzen. Erschüttert konstatierte der französische Schriftsteller Louis Aragon: "Was ist geschehen? Das Leben - und ich bin alt geworden". Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich beschreibt in ihrem Buch "Die Radikalität des Alters" ebenfalls die vielfältigen Mühen des Alters: "Wenn man wie ich 93 Jahre alt ist, ist die Realität des Alters äußerst mühsam. Der Körper, der sich - wie der meine - durchaus daran erinnert, dass Gehen ein großes Vergnügen machen kann, ist jetzt wie ein schwerer Klotz, den man nur mit vielen guten Worten in Bewegung zu setzen vermag." Ähnlich äußert sich der 2004 verstorbene italienische Philosoph Norberto Bobbio: "Immer schwankender, auf immer schwächeren Beinen, auf meinen Stock gestützt und am Arm meiner Frau gehe ich immer noch über die Straße". Und der Schriftsteller und Kulturpublizist Jean Améry spricht in seinem Buch "Über das Altern. Revolte und Resignation" von der "unheilbaren Krankheit des Alterns" und vom "Heranrücken des dunklen Gesellen, der an meiner Seite herläuft".

Eine nicht zu überbietende Beschreibung der Deformationen, die das Alter mit sich bringt, findet sich bei dem irischen Schriftsteller Samuel Beckett in seinem Roman "Molloy". Der Leser wird Zeuge des körperlichen Verfalls des gleichnamigen Protagonisten, der bewegungsunfähig im Bett seiner Mutter liegt, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist: "Alles verschwimmt. Noch ein wenig mehr und man ist blind. Es sitzt im Kopf. Er tut nicht mehr mit. Er sagt: Ich tue nicht mehr mit".

Zweifel am Neuen
Verklärung und Resignation - das sind die beiden polaren Sichtweisen des Alters. Daneben existieren noch zahlreiche Facetten, die von Philosophen und Schriftstellern beschrieben wurden. So beklagt Jean Améry den Verlust seiner persönlichen Autonomie. Er spricht von einem "kulturellen Altwerden" und meint damit den Widerwillen, sein durch ein umfangreiches Lektürepensum erstelltes kulturelles Weltbild an die jeweils herrschende intellektuelle Mode anzupassen.

Der Philosoph André Gorz entschied sich 2007 für den Selbstmord, weil er seine schwerkranke Frau Dorine nicht überleben wollte.

Der Philosoph André Gorz entschied sich 2007 für den Selbstmord, weil er seine schwerkranke Frau Dorine nicht überleben wollte.© EPA Der Philosoph André Gorz entschied sich 2007 für den Selbstmord, weil er seine schwerkranke Frau Dorine nicht überleben wollte.© EPA

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer erreichte das biblische Alter von 102 Jahren.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer erreichte das biblische Alter von 102 Jahren.© dpa/dpaweb Der Philosoph Hans-Georg Gadamer erreichte das biblische Alter von 102 Jahren.© dpa/dpaweb

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Schlagwörter

Philosophie, Alter, Extra

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Dokument erstellt am 2012-03-15 18:24:22
Letzte Änderung am 2012-03-16 14:59:10



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