Eigentlich, so könnte man meinen, ist das Thema Gleichberechtigung nach Jahrzehnten des Kampfes längst gegessen. Es gibt Gesetze, die Benachteiligungen aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit untersagen, und einen gesellschaftlichen Grundkonsens. Im Gespräch mit Frauen stellt sich jedoch heraus, dass Diskriminierung nach wie vor stattfindet, aber auf einer viel subtileren Ebene. Dass das Thema die Gemüter noch immer erhitzt, lässt sich an der Aufregung erkennen, mit der jeder Artikel im österreichischen wie im deutschen Feuilleton zur Mann-Frau-Thematik quittiert wird. Erstaunlich ist auch, wie die Debatte seit Jahrzehnten geführt wird. Noch immer wird seitens der Frauen die Ikone der Emanzipation, Simone de Beauvoir, mit dem berühmten Satz "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es", in die Schlacht geworfen, wenn es darum geht, den weit verbreiteten biologistischen Theorien vom "weiblichen Gefühl" und dem "männlichen Verstand" zu widersprechen. Der Standardsatz der Frauenbewegung stammt aus Simone de Beauvoirs Hauptwerk "Das andere Geschlecht", das 1949 erschienen ist.
Aus dem Jahr 1929 stammt Virginia Woolfs Essay "Ein eigenes Zimmer", in dem sie für Frauen - der gebildeten Oberschicht, realistischerweise - einen selbstbestimmten Raum reklamiert. Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht, dass laut einer Befragung, die in den 1990er Jahren in den USA durchgeführt wurde, etwa 40 Prozent der amerikanischen Frauen das Badezimmer als solchen definieren.
Gleich ein ganzes Haus samt Goldtruhe gesteht Astrid Lindgren anno 1944 ihrer Pippi Langstrumpf zu. Das freie, unabhängige und unangepasste Mädchen stieg unversehens zur Galionsfigur der Frauenbewegung auf. Noch vor zehn Jahren hieß es in der Diskussion gesellschaftlicher Fragen in Schweden, dass der Einfluss des "Pippikultes" auf Schule und Kindererziehung sehr negativ gewesen sei. "Die Pippi-Verehrung hat alles auf den Kopf gestellt, Schule, Familienleben, normales Verhalten", zitiert eine Diplomarbeit einen Diskussionsbeitrag aus der Tageszeitung "Svenska Dagbladet".
Das alles ist eigentlich Schnee von gestern, doch eine Veränderung im allgemeinen Denken vollzieht sich nur langsam, nach dem Muster "ein Schritt vor, zwei zurück." Dass die Männer nicht aussterben, die überzeugt davon sind, dass den Frauen die Fähigkeit zum Bügeln quasi in den Genen liegt und umgekehrt Frauen sich noch immer gerne vom starken Geschlecht umsorgen lassen, ist nicht hilfreich, aber vermutlich auch nicht zu ändern.
Was bedenklicher stimmt, ist die Tatsache, dass junge Frauen sich ohne gesellschaftlichen Zwang in die vermeintlich heile Welt der Kleinfamilie zurückziehen und sich mit der Mutterrolle zufrieden geben. Allerdings haben sie vielfach bei ihren Müttern erlebt, wie schwierig es ist, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, wie viel Ausdauer und Kraftanstrengung die Mehrfachbelastung bedeutet. Oft haben gerade junge Frauen das Gefühl, sich zwischen der Mutterrolle und einem erfüllten Berufsleben entscheiden zu müssen. Von einem Megatrend "Frauen" sprechen hingegen Zukunftsforscher. Frauen sind in punkto Bildung und Sozialkompetenz deutlich auf der Überholspur.
Das "Wiener Journal" sprach mit Rotraud A. Perner, Juristin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin, über das Thema Gleichberechtigung.
"Wiener Journal": Wo steht Ihrer Meinung nach derzeit die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau?
Rotraud A. Perner: Leider nicht so gut, wie man nach den Erfolgen der 1980er und frühen 90er Jahre erwartet hätte...
Wird die Wirtschaftskrise das Rollenbild verändern? Nach dem Motto in Krisenzeiten sollen die Frauen am Arbeitsmarkt Platz für die Männer machen.
Ich sehe das eher so, dass immer mehr Männer das Handtuch werfen werden -tun sie ja schon -, weil sie den hohen qualitativen, zeitlichen und kommunikativen Anforderungen nicht gewachsen sind, und die jungen Frauen, die disziplinierter, ausbeutbarer und dank Östrogen viel belastbarer sind, deren Arbeitsaufgaben übernehmen werden. Was die Männer wieder so frustrieren wird - zeigt ja auch bereits die Gegenwart -, dass die einen in Gewalt, die anderen in Regression - "bin ein hilfloses Baby - versorg mich!", mit oder ohne Alkohol - ausweichen werden.
Die Rolle der Frau am Arbeitsmarkt ist für viele Berufstätige durchaus unbefriedigend. Durch Jobs mit geringem Einkommen bzw. in prekären Arbeitsverhältnissen entsteht weder finanzielle Freiheit noch sozialer Status, warum also sollen Frauen nicht lieber in die gesellschaftlich hoch geachtete Mutterrolle fliehen?
So hoch geachtet ist die Mutterrolle ja gar nicht! Frauen sitzen da immer zwischen zwei Stühlen - es wird ihnen immer jemand Erfolgreicherer vorgehalten und wenn das auch nur im Werbefernsehen oder in den Modezeitschriften ist ... und nicht die Schwieger- oder eigene Mutter, der Partner oder die Freundinnen. Und wenn der männliche "Ernährer" ausfällt - und das ist die Regel - egal ob aus Arbeitsplatzverlust, (Sucht-)Krankheit oder Unfalltod -, wird die Mutterrolle auch nicht berücksichtigt.
