Wien. (est) Nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten mit seinen Vorfahren machen den modernen Menschen zu dem, was er ist, betont der britische Paläoantropologe Chris Stringer in der aktuellen Ausgabe von "Nature". Er warnt vor wenig zielführenden Diskussionen zu neuen Erkenntnissen der Evolutionsforschung.
Vor wenigen Jahren schien die Geschichte des modernen Menschen noch klar: Demnach verließ vor 50.000 bis 60.000 Jahren eine Gruppe ihre Heimat Afrika. Über Asien erreichten sie vor rund 40.000 Jahren Europa und verdrängte die Neandertaler und andere frühen Menschenarten.
Neue Fundstücke auf der Arabischen Halbinsel veranlassen Forscher allerdings seit vorigem Jahr zu der Vermutung, dass der moderne Mensch Afrika bereits vor 125.000 Jahren verlassen haben muss, und zwar auf einem anderen Weg als angenommen. Neue Radiokarbon-Datierungstechniken ergaben auch, dass er tausende Jahre früher hier ankam. Dadurch hätten Neandertaler und Homo sapiens länger nebeneinander gelebt als zuvor angenommen.
Laut einer Studie aus 2011 wurde zudem Amerika schon vor 15.000 Jahren besiedelt, also 2000 Jahre früher als angenommen. Die Clovis haben somit ihren Platz als "früheste Amerikaner" verloren.
Die überraschendste Erkenntnis kommt allerdings aus der Genetik: Seit 2010 wurden nämlich das Genom des Neandertalers und einer weiteren erst kürzlich entdeckten Menschenart, des Denisova-Menschen, sequenziert. Ihre genetischen Spuren finden sich noch bei heute lebenden Menschen.