Wien. Ein Geräusch. Nicht besonders laut, aber doch zu hören. Man schleicht durch die Zimmer, steckt alle Elektrogeräte ab, doch es ist immer noch da. Die Schallquelle wird nicht gefunden - bis man sich die Ohren zuhält und merkt, dass es von innen aus dem Körper kommt. Ein Tinnitus.

Kürzlich klagten in Lienz 16 Jugendliche nach einem Techno-Fest über Hörschäden. Bei elf Veranstaltungsbesuchern stellte man im Spital Hörstürze - teilweise mit Tinnitus kombiniert - fest. Für den behandelnden HNO-Arzt Kurt Freudenschuss ein Hinweis darauf, dass entweder die Lautstärke bei der Veranstaltung zu hoch war oder die architektonischen Gegebenheiten des Saals nicht für diese Musik geeignet war.
Vor allem sind es junge Leute, die an Tinnitus leiden, der durch Lärm bei Disco- und Konzertbesuchen verursacht wurde. Hier werden schnell einmal Schallpegel von 110 Dezibel überschritten. Kreissägen und Presslufthämmer liegen in diesem Bereich. In den USA klagte eine Frau den kanadischen Popsänger Justin Bieber auf umgerechnet 7,5 Millionen Euro Schadenersatz, da sie durch das Konzert einen Hörverlust, Tinnitus und Hyperakusis - eine krankhafte Empfindlichkeit gegenüber Lautstärke - erlitten hat.
Neue Erkenntnisse könnten den Betroffenen helfen. Jüngere Forschungen kommen gar zu dem Schluss, dass Tinnitus in Folge mit negativen Lernvorgängen verbunden sein könnte. Ein neues Therapiekonzept ist die medikamentöse Unterstützung, um die Eigenschaften von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen zu verändern.
Auch ein schützender Effekt
Mit Hilfe des Ginkgo-Spezialextrakts EGb 761 (Tebonin) soll das "Verlernen" des Geräusches gefördert werden. "Klinische Daten belegen, dass Tebonin ein wirksames Mittel ist, um die Behandlung verschiedener Formen des Tinnitus zu unterstützen", sagt Norbert Holstein, Vorsitzender des jüngst stattgefundenen HNO-Kongresses in Mainz. Tinnitus wird "gelernt" und kann wieder "verlernt" werden. "Studien zufolge könnte Tebonin einen gezielten Retraining-Ansatz durch Unterstützung der neuerlichen neuroplastischen Veränderungen weiter verbessern", berichtet der Neurobiologe Holger Schulze von der Uni Erlangen-Nürnberg.
In einem Tiermodell konnte ein schützender Effekt von Tebonin vor der Entwicklung eines zentralen Tinnitus nachgewiesen werden. Auch die fördernden Effekte auf das Lernen konnten in Tiermodellen dokumentiert werden, bei denen die auditorische Unterscheidungsfähigkeit erlernt wird.
Mongolische Wüstenrennmäuse lernten, innerhalb von 15 Tagen verschiedene Töne zu unterscheiden. Sie erhielten täglich zwei Wochen lang vor und während des Trainings Tebonin oder ein Placebo. "Die mit EGb 761 behandelten Tiere lernten viel schneller im Vergleich zur Kontrollgruppe", so Schulze. Ein schützender Effekt von Tebonin konnte auch vor einem Schalltrauma nachgewiesen werden. Auch zeigte sich in einer weiteren Studie, dass der Ginkgo-Extrakt gegen viele verschiedene Formen des Tinnitus wirksam ist.
Eine Million Betroffene
Unter Tinnitus verstehen die Mediziner Ohrgeräusche, die auf keine äußere Schallquelle zurückzuführen sind und auf einem Ohr oder beiden wahrgenommen werden. Die akustischen Eindrücke werden als Brummen, Sausen, Zischen, Dröhnen, Rauschen, Zirpen oder Klingeln beschrieben.
Zur Linderung gibt es neben der medikamentösen Behandlung und der Retraining-Therapie auch die Möglichkeit, alternative Medizin wie Akupunktur oder Massagen einzusetzen. Die Ursachen sind vielfältig und kaum überschaubar, da sie von Ohr- über Wirbelsäulenerkrankungen bis hin zu Stress und Lärm reichen.
In Österreich sind annähernd eine Million Menschen von Tinnitus betroffen. Etwa 200.000 sind chronische Patienten, das heißt, sie werden ihr Leben lang von einem Ohrgeräusch begleitet.