
Wien. Im Alter von vier Jahren schreckte er eines Abends kurz vor dem Einschlafen auf, von der Einsicht aufgerüttelt: "Eines Tages werde auch ich sterben müssen." Was dem weltweit bekannten "Sinnlehrer" Viktor E. Frankl, Schöpfer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie, aber zu schaffen machte, war nie die Furcht vor dem Tod, sondern die Frage, "ob nicht die Vergänglichkeit des Lebens dessen Sinn zunichtemacht".
Die Antwort, zu der sich der kleine Viktor durchringen konnte, war: "In mancherlei Hinsicht macht der Tod das Leben überhaupt erst sinnvoll." Vor 15 Jahren, am 2. September 1997, starb der Psychiater im Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt.
Zentrale Fragen der menschlichen Existenz
Der zentralen Frage der menschlichen Existenz, der Sinnfrage, widmete Frankl sein ganzes Leben. Mit der von ihm entwickelten Logotherapie, der dritten Richtung der Wiener Psychotherapeutischen Schule nach jenen von Sigmund Freud und Alfred Adler, beschritt er neue Wege in der Sinnfindung und stieß damit auf weltweite Anerkennung.
Viktor Emil Frankl kam am 26. März 1905 in Wien zur Welt. Er wuchs in der Leopoldstadt auf, sein Vater brachte es vom Stenografen im Reichsrat bis zum Direktor im Sozialministerium. Schon als Mittelschüler interessierte sich Frankl, der sich in sozialistischen Jugendorganisationen engagierte, für Psychologie. Seinen ersten einschlägigen Vortrag hielt er mit 16 Jahren in einer Philosophischen Arbeitsgemeinschaft der Volkshochschule zum Thema "Der Sinn des Lebens".
Nachdem er an der Universität Wien mit dem Medizinstudium begonnen hatte, gründete Frankl 1928 in Wien und sechs weiteren Städten Beratungsstellen für junge Menschen in seelischer Not. Mit einer Sonderaktion für Schüler erreichte er, dass im Gegensatz zu den Jahren davor kein einziger Selbstmord aufgrund schlechter Zeugnisnoten zu verzeichnen war. 1930 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert, leitete in den darauffolgenden Jahren den sogenannten Selbstmörderinnen-Pavillon am Psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof und gründete 1937 eine eigene Praxis.
1942 ins Konzentrationslager verschleppt
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 wurde Frankl mit der Leitung der Neurologischen Station am Rothschild-Spital beauftragt, dem einzigen jüdischen Spital, das in der NS-Ära existieren durfte. Diese Position bewahrte ihn und seine Eltern zunächst vor der drohenden Deportation in ein Konzentrationslager. Ein Visum zur Ausreise in die USA lehnte er ab, um bei seinen Eltern bleiben zu können.
1942 nutzte auch seine Stellung nichts mehr, und Frankl wurde mit seinen Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. In den Lagern verlor er Mutter, Vater, seinen Bruder und seine erste Frau. Und dennoch sagte er später, dass er dort "eine der schönsten Stunden" seines Lebens verbracht habe, als er, nachdem er das Visum in die USA verfallen lassen hatte, seinem Vater bis zur letzten Stunde seines Lebens beistehen konnte.