Vom 28. September bis 2. Oktober wird Wien zum Zentrum der Krebsforschung. Beim Kongress der European Society for Medical Oncology werden Forscher neueste Erkenntnisse - von der Genomforschung über personalisierte Medizin und neue Krebsmedikamente bis hin zu Fragen der Prävention und Früherkennung - präsentieren. In Österreich erkranken jährlich etwa 38.000 Menschen an Krebs, rund 300.000 Menschen sind von einer Krebserkrankung betroffen. Therapien werden zum Nutzen der Patienten immer stärker individualisiert. Die Erfolge der modernen Medizin sind aus den Statistiken ablesbar. 1960 lag in den USA die Fünf-Jahres-Überlebensquote bei 38 Prozent. Derzeit liegt sie bei 68 Prozent. Die Mortalität ist in den USA allein seit 1990 um 24 Prozent gesunken. Mit der "Wiener Zeitung" hat der Wiener Onkologe Christoph Zielinski, lokaler Organisator des Esmo-Kongresses, über die aktuelle Situation der Krebsmedizin gesprochen.

Christoph Zielinski: In den letzten Jahren haben wir eine Veränderung des Zugangs erfahren. Die Sterblichkeit hat deutlich ab- und das Überleben einer Krebserkrankung deutlich zugenommen. Wir haben eine Vielzahl an Substanzen, die eine wesentliche Verbesserung der Prognose bringen. Wir leben noch immer nicht unendlich, aber es ist mehr als eine Verdreifachung der Aussicht. Beim fortgeschrittenen Brustkrebs lag das mittlere Überleben vor wenigen Jahren noch bei acht bis zehn Monaten, jetzt sind es 50 bis 55 Monate. Das ist einem Patienten mitzuteilen. Auch muss betont werden, dass ein Patient keine Schmerzen haben sollte. Auf Dauer müssen sie gut kontrolliert werden. Nebenwirkungen nehmen immer mehr ab, weil wir viele Medikamente dagegen haben. Die Verträglichkeit ist akzeptabel. Trotzdem sollten wir nicht in eine Euphorie verfallen. Krebs ist nach wie vor eine furchtbare Krankheit.
Unterschiedlichste Medikamente sind in Verwendung. Kann man sich als Patient in jedem Krankenhaus sicher sein, die neuesten Therapien zu erhalten?
Wir haben in Österreich eine Zentrumsmedizin, deswegen liegen wir auch in den internationalen Statistiken an der Spitze. Gemeinsam mit der Hämatologie haben wir im AKH etwa 100.000 Patientenkontakte pro Jahr. In der onkologischen Tagesklinik sind es etwa 7000 Patienten. Wir versorgen 50 Prozent aller Patienten im Wiener Raum onkologisch. Der Zentrumseffekt wird damit ganz deutlich. Wenn die Zentrumsmedizin weiter ausgebaut wird, ist die Antwort auf die Frage ja.
Existieren Richtlinien?
Es gibt Guidelines der European Society for Medical Oncology. Und es gibt Richtlinien des National Comprehensive Cancer Network in Washington, die absichern, dass überall auf der Welt eine optimale Therapie gegeben werden sollte. Vor allem die universitäre Medizin profitiert extrem von der Globalisierung. Die Onkologie ist auch die am meisten mit Studien übersäte Disziplin. Solange das Überleben nicht 100 Prozent beträgt, wird es Unzufriedenheit geben. Natürlich können 100 Prozent in der Biologie nie erreicht werden - es sterben trotz bester Antibiotika nach wie vor Leute an Lungenentzündung. Eine Optimierung ist herbeizuführen. Solange wir nicht über 90 Prozent liegen, gibt es viel Arbeit zu tun.
Wie steht es um die Kapazitäten für die Umsetzung von klinischen Studien im Alltag?
Klinische Studien sind als universitäres Zentrum unsere Priorität, wir sind dazu gesetzlich beauftragt. Um in jeder Art und Weise in optimaler Form eine Optimierung des Outcomes herbeizuführen. Klinische Studien finden immer mehr in sehr engen Bereichen statt. Und nur Spezialisten auf den jeweiligen Gebieten der Krebserkrankungen können die Wertigkeit einer Studie abschätzen. Einem Generalisten ist es heute nicht mehr möglich, die Diffizilität der Fragestellung zu erkennen. Schon demnächst wird die erste Fassung einer europäischen Charta der Rechte für Krebspatienten fertig sein. Demnach ist die Zeit des Generalisten im universitären Bereich vorbei. Je mehr Spezialistentum es gibt, desto schwieriger ist es für das System, aber desto besser für den Patienten.
Was ist personalisierte Medizin?
Personalisiert ist ein Begriff, der sich nicht auf den Patienten bezieht, sondern auf den Tumor. Verschiedene Tumorzellen haben verschiedene Eigenschaften. Je tiefer es in den Wald geht, umso mehr Bäume gibt es. Und je mehr Therapien jemand im Vorfeld hat, desto differenzierter kann auch der Tumor werden. Diese unterschiedlichen Eigenschaften analysiert man molekularbiologisch-genetisch, um Medikamente auswählen zu können, die auf den Tumor und die jeweilige Situation abzielen und den momentanen Signalweg am besten unterdrücken.
Bei jedem Patienten?
Das ist nach wie vor Zukunftsmusik. Erst wenn beim Patienten keine standardisierten Therapien mehr zur Verfügung stehen, die laut Guidelines empfohlen werden, können wir ihn - wenn er das möchte - in eine Studie einschließen. Wir biopsieren, analysieren und verwenden Medikamente, von denen wir uns versprechen, dass sie effektiv sein könnten.
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