• vom 25.09.2012, 16:42 Uhr

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Update: 25.09.2012, 16:45 Uhr
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Demographen zeigen auf, wie Bildung, Fertilität und Religiosität zusammenhängen

Kein islamisches Europa


Von Heiner Boberski

  • Geburtenraten von Zuwanderern sinken in der zweiten Generation deutlich.

Wolfgang Lutz untersucht globale Entwicklungen. - © APA/HERBERT NEUBAUER

Wolfgang Lutz untersucht globale Entwicklungen. © APA/HERBERT NEUBAUER

Wien. Der Islam werde in wenigen Jahrzehnten in Europa die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Mit derartigen Aussagen versuchten einige Autoren in den letzten Jahren, Alarmstimmung aufkommen zu lassen. "SOS Abendland" betitelte zum Beispiel Udo Ulfkotte sein Buch, in dem er für 2040 eine muslimische Mehrheit für Schweden und für etwa 2050 für Russland in Aussicht stellte.

Der österreichische Demograph und Wittgenstein-Preisträger Wolfgang Lutz hält im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nichts von derartigen Szenarien: "Das ist aus der Luft gegriffen, von einer Mehrheit kann keine Rede sein, selbst nicht in den extremsten Szenarien, selbst nicht mit massivstem Zuzug, der ja gar nicht mehr vorhanden ist." Zuwanderung erfolge heute schon mehr vom Balkan als aus dem islamischen Raum, und für Österreich sei zum Beispiel inzwischen bereits Deutschland das Land, aus dem die meisten Immigranten kommen.

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Ein zweiter Faktor, so Lutz, der seit 1994 das Weltbevölkerungsprogramm am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (Iiasa) und seit 2002 das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften leitet, sei die Zahl der Kinder, die Muslime im Vergleich zu Nichtmuslimen haben: "Und da zeigt sich eine massive Anpassung an das österreichische Niveau. Der Haupterklärungsgrund ist einfach die Bildung. Der Grund, warum Einwanderer aus Anatolien so viele Kinder hatten, ist, dass sie mit geringer Bildung aus sehr ländlichen Gebieten gekommen sind. Das ist vergleichbar bei uns mit den Bergdörfern zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, die Menschen dort haben auch sehr viele Kinder gehabt. Aber innerhalb einer Generation passen sie sich an die Geburtenraten und den Lebensstil der neuen Gesellschaft an."

Dieser Trend trifft auch auf andere europäische Länder zu, weiß Wolfgang Lutz, aber auch auf die islamische Welt selbst: "Was die wenigsten wissen: Das Land, das den stärksten Geburtenrückgang der bisherigen Menschheitsgeschichte überhaupt hatte, ist die Islamische Republik Iran. Die hatten dort im Jahr 1984 noch sieben Kinder und heute haben sie so wenig wie Europa, also 1,6 bis 1,7. Der Hintergrund ist die höhere Bildung der Frauen, die das Mullah-Regime durchaus gefördert hat, und Familienplanung, denn im Koran heißt es, man soll nur so viele Kinder haben, wie man sich leisten kann."

Hohe Kinderzahlen sind aus der Sicht von Lutz für patriarchalische Gesellschaften mit traditionellen Normen, wie es sie auch im Europa des 19. Jahrhunderts gegeben hat, typisch. Wie Lutz und sein Iiasa-Kollege Vegard Skirbekk in einer 2012 von der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften publizierten Studie aufzeigen, neigen neben niedrig gebildeten Gesellschaften, auch Menschen mit hoher Religiosität dazu, mehr Kinder zu haben. Die Ergebnisse etlicher Studien belegen, dass die Unterschiede im Verhalten (auch was Geburtenraten betrifft) zwischen den Gruppen mit mehr oder weniger intensivem religiösem Leben innerhalb einer Religionsgemeinschaft stärker waren als zwischen den verschiedenen Religionen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-25 16:39:25
Letzte Änderung am 2012-09-25 16:45:00


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