• vom 09.10.2012, 18:06 Uhr

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Neurowissenschafter Eric Kandel über Gedächtnis, die Betrachtung von Bildern und Erlebnisse, die man nie vergisst

Was Kunst mit Liebe zu tun hat


Von Eva Stanzl

  • Der US-Hirnforscher
  • hält diese Woche mehrere Vorträge und Lesungen in Wien.

"Sucht ist wie Lernen": Für Eric Kandel führt die Lösung einer Frage zur nächsten.

"Sucht ist wie Lernen": Für Eric Kandel führt die Lösung einer Frage zur nächsten.© Wiener Zeitung "Sucht ist wie Lernen": Für Eric Kandel führt die Lösung einer Frage zur nächsten.© Wiener Zeitung

"Wiener Zeitung":Sie erhielten im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis für Ihre Forschung zu den Unterschieden von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. In Ihrem jüngsten Buch, "Das Zeitalter der Erkenntnis", beschäftigen Sie sich aber mit der Frage, wie die Menschen Bilder wahrnehmen. Was hat das Gedächtnis mit der Betrachtung von Kunstwerken zu tun?

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Eric Kandel: Mein Interesse für das Gedächtnis führte zu einem Interesse am Gehirn. An der Betrachtung vom Bildern sind nämlich auch Wahrnehmung und Emotionen beteiligt und das Gedächtnis nur insofern, als dass man jedes Bild vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung und der Bilder, die man kennt, ansieht - etwa indem man vergleicht, inwieweit Bilder sich ähnlich sind.

Ausschlaggebend für das Buch war, dass ich die Kunst aus Wien um 1900 sehr mag, ich habe auch eine kleine Kollektion von Arbeiten auf Papier von Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele. Ich wollte früher Psychoanalytiker werden und befasste mich mit Sigmund Freud, der jedoch wenig über die weibliche Sexualität wusste. Klimt hatte da hingegen ganz gute Einsichten. Er verstand, dass Frauen eine eigene sexuelle Identität haben, und konnte darstellen, dass sie nicht nur ein gewaltiges erotisches Begehren haben, sondern auch wie Männer Aggression mit Sexualität verschmelzen können. Seine Sicht vervollständigte Freuds Sicht des Männlichen und kompensierte dessen Scheitern beim Weiblichen. Wien war somit der Ort, wo Wissenschaft und Kunst erstmals zusammenkamen. Und das psychologische Problem der Kunst, aufgegriffen durch Ernst Gombrich, war, wie Betrachter auf Werke reagieren.

Die Neuroästhetik beleuchtet die emotionale Reaktion auf Kunst aus dem Blickpunkt der Hirnforschung. Was passiert im Gehirn, wenn wir vor einem Bild Gefühle entwickeln?

Gefühle rufen die Amygdala und Teile des den präfrontalen Cortex auf den Plan. Ich habe mich auf jene Zellen im Gehirn konzentriert, die auf Gesichter reagieren und für die Interpretation von Gesichtsausdrücken zuständig sind. Schädigungen in diesem Bereich können zur Folge haben, dass Betroffene entweder nicht wissen, zu wem ein Gesicht gehört, oder es nicht als Gesicht erkennen. Werden Gesichtszüge hingegen übertrieben dargestellt, wie von expressionistischen Malern, werden diese Zellen ganz wild: Übertreibung erzeugt starke Emotionen.

Nehmen wir also die Frage, warum Klimts Porträt der "Judith" auf viele Menschen faszinierend wirkt. (Das Gemälde stellt eine Frau postkoital dar. Sie hat ihren Liebhaber Holofernes geköpft und liebkost nun mit Genuss dessen Haupt, Anm.) Die Nervenzellen springen auf jede Verzerrung des Gesichts an. Die so dargestellte Verzückung der Judith - halb geschlossene Augen und verträumter Blick - lassen die Zellen stark reagieren.

Manche Sammler müssen ein Bild unbedingt haben. Ronald Lauder erwarb Klimts "Goldene Adele" für 135 Millionen Dollar. Was verbindet Kunst und Liebe?

Wenn Sie sich verlieben, wird das dopaminergische Belohnungssystem im Gehirn aktiv. Wenn Sie in einer Liebesbeziehung zurückgewiesen werden, wird es noch aktiver. Lauder sah das Bildnis der Adele Bloch-Bauer, als er 14 Jahre alt war. Er mochte es sehr, konnte es aber nicht besitzen, weil es damals nicht zum Verkauf stand. Ich denke, dass das die Intensität seines dopaminergischen Systems so aufgebaut hat, dass er sogar 150 bis 160 Millionen bezahlt hätte, um es zu bekommen.

Sie mussten sich für Ihr Buch intensiv mit Wien beschäftigen, der Stadt, aus der Sie als Kind fliehen mussten. Wie schmerzhaft war das?

Es war damals schmerzhaft, weil es sehr schwer war, Wien zu verlassen. Das letzte Jahr hier war schrecklich, wir haben alles verloren, ich wurde im Park zusammengeschlagen, bin mit dem Leben davongekommen. Doch als ich weg war, war es leicht. Ich bin glücklich in Amerika und habe ein besseres Leben dort, als ich hier selbst ohne Hitler gehabt hätte.

Ist Antisemitismus ein Phänomen, dem Sie in Ihrem Leben oft begegnen mussten? Auch außerhalb von Österreich oder in jüngster Zeit?

Ich weiß, dass es das auch heute noch gibt, aber ich habe es nie wieder erfahren müssen, kein einziges Mal.

Manchmal wird Kritik an Israels Politik mit Antisemitismus gleichgesetzt. Teilen Sie diese Ansicht?

Es gibt Menschen, die Antisemitismus mit Kritik an Israel verwechseln, besonders wenn es ihnen zum politischen Vorteil gereicht. Das ist unglückselig. Ich finde, dass Israels Politik sehr wohl kritisiert werden kann, und sehe sie selbst kritisch. Aber das ist etwas ganz anderes als Antisemitismus.

Österreich hatte, auch dank hervorragender jüdischer Forscher und Intellektueller, bis 1938 einen höheren Stellenwert in der internationalen Wissenschaft als heute. Die NS-Diktatur hat es weit zurückgeworfen. Sehen Sie eine Chance, dass es bald zumindest mit vergleichbaren Staaten wie Schweden und der Schweiz wieder mithalten kann?

Als ich 1965 zum ersten Mal nach Wien zurückkam, waren die Wissenschaften in meinem Fach tot. 1982 eröffnete aber das Institut für Molekulare Pathologie, das der Schweizer Biologe Max Birnstiel ausgezeichnet leitete. Heute sind der Quantenphysiker Anton Zeilinger und der Genetiker Josef Penninger weltbekannt, und auch am Institute of Science and Technology Austria gibt es sehr gute Gruppen. So gut wie 1900 ist es nicht, aber es wird stärker.




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Dokument erstellt am 2012-10-09 18:12:22


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