Wien. Bis zum Jahr 1995 scheint alles recht gut gelaufen zu sein. Die Schulzeit brachte arbeitsfähige, lernwillige und zukunftsorientierte Jugendliche hervor. Seither ist das offenbar immer häufiger nicht mehr der Fall, wie der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater und Buchautor von "Lasst Kinder wieder Kinder sein", Michael Winterhoff, analysiert. Immer mehr Kinder weisen Beziehungsstörungen auf, was dazu führt, dass der Nachwuchs im Alter von drei Jahren praktisch nicht kindergartenreif und im Alter von sechs Jahren nicht schulreif ist.

Und dies hat, so der Mediziner, mehrere Gründe: Seit 1995 werden Kinder immer mehr als Partner gesehen und dementsprechend wie kleine Erwachsene behandelt. Sie sollen alles selbst entscheiden, tragen dann dafür auch die Verantwortung. Kinder werden in Erwachsenenthemen einbezogen und zur Entscheidungsfindung mit Argumenten überhäuft, was sie überfordert.
Führung als Orientierung
"Das Kind wird in der Gesellschaft gar nicht mehr als Kind gesehen. Auch nicht seine Bedürfnisse und Fähigkeiten. Doch Kinder brauchen in vielen Bereichen eine Anleitung und Begleitung - eine gewisse Führung als Orientierung", sonst bleiben sie in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung stehen, betont Winterhoff im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".
Seit dem Jahr 2000 beobachtet er ein weiteres Phänomen: Immer mehr Erwachsene wollen von den Kindern partout geliebt werden. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel Großeltern den Enkeln freie Hand lassen, also weder Anforderungen stellen noch Verbote erteilen, um den Kindern ja keinen Grund zu geben, sich eventuell von ihnen abwenden zu wollen. Weil die Oma eben zu streng sei. Damit mangelt es an notwendigen Regeln und Grenzen.
Die gravierendste Beziehungsstörung sieht der Psychiater seit dem Jahr 2003: die Symbiose. Dabei wird das Kind ein Teil der Eltern. Die Erwachsenen fühlen und denken für ihren Nachwuchs. Dadurch können und brauchen sich die Kinder nicht mehr wie früher im sozialen und emotionalen Bereich entwickeln. Sie bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen, erklärt Winterhoff.
Einen Hauptgrund für diese Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte sieht der Psychiater in der Tatsache, dass es kaum noch Erwachsene gibt, die in sich ruhen. Vor allem der Wechsel vom analogen auf das digitale Zeitalter wird von immer weniger Menschen verkraftet, so Winterhoff. Alles geht schneller, jeder ist permanent erreichbar, die Krisenmeldungen aus aller Welt prasseln minutenschnell über uns herein. "Die Gesellschaft bietet keine Orientierung mehr, keine positive Perspektive." Das alles führt zu einer immensen Belastung, die den Körper auf Katastrophenalarm einstellt. Der Erwachsene gerät in den Zustand der Daueranspannung und ist 24 Stunden am Tag versucht, zu retten, was zu retten ist. Was dabei verloren geht: die für den Umgang mit Kindern immens wichtige Intuition.
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