• vom 22.02.2013, 20:26 Uhr

Mensch

Update: 26.02.2013, 15:34 Uhr
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Die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder stoppt immer häufiger im Alter zwischen 10 und 16 Monaten

Zurück zu Ruhe und Intuition


Von Alexandra Grass

  • Die Erwachsenen haben es in der Hand, wie sich ihre Kinder entwickeln.

Wien. Bis zum Jahr 1995 scheint alles recht gut gelaufen zu sein. Die Schulzeit brachte arbeitsfähige, lernwillige und zukunftsorientierte Jugendliche hervor. Seither ist das offenbar immer häufiger nicht mehr der Fall, wie der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater und Buchautor von "Lasst Kinder wieder Kinder sein", Michael Winterhoff, analysiert. Immer mehr Kinder weisen Beziehungsstörungen auf, was dazu führt, dass der Nachwuchs im Alter von drei Jahren praktisch nicht kindergartenreif und im Alter von sechs Jahren nicht schulreif ist.

Kinder brauchen eine starke Hand, die sie leitet und begleitet.

Kinder brauchen eine starke Hand, die sie leitet und begleitet.Foto: corbis Kinder brauchen eine starke Hand, die sie leitet und begleitet.Foto: corbis

Und dies hat, so der Mediziner, mehrere Gründe: Seit 1995 werden Kinder immer mehr als Partner gesehen und dementsprechend wie kleine Erwachsene behandelt. Sie sollen alles selbst entscheiden, tragen dann dafür auch die Verantwortung. Kinder werden in Erwachsenenthemen einbezogen und zur Entscheidungsfindung mit Argumenten überhäuft, was sie überfordert.

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Führung als Orientierung

Information

Vortrag Dr. Michael Winterhoff
7. März, 18 Uhr, Pädagogische Hochschule Baden.
Buchtipp: "Lasst Kinder wieder Kinder sein", Gütersloher Verlagshaus, 20,60 Euro

"Das Kind wird in der Gesellschaft gar nicht mehr als Kind gesehen. Auch nicht seine Bedürfnisse und Fähigkeiten. Doch Kinder brauchen in vielen Bereichen eine Anleitung und Begleitung - eine gewisse Führung als Orientierung", sonst bleiben sie in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung stehen, betont Winterhoff im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Seit dem Jahr 2000 beobachtet er ein weiteres Phänomen: Immer mehr Erwachsene wollen von den Kindern partout geliebt werden. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel Großeltern den Enkeln freie Hand lassen, also weder Anforderungen stellen noch Verbote erteilen, um den Kindern ja keinen Grund zu geben, sich eventuell von ihnen abwenden zu wollen. Weil die Oma eben zu streng sei. Damit mangelt es an notwendigen Regeln und Grenzen.

Die gravierendste Beziehungsstörung sieht der Psychiater seit dem Jahr 2003: die Symbiose. Dabei wird das Kind ein Teil der Eltern. Die Erwachsenen fühlen und denken für ihren Nachwuchs. Dadurch können und brauchen sich die Kinder nicht mehr wie früher im sozialen und emotionalen Bereich entwickeln. Sie bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen, erklärt Winterhoff.

Einen Hauptgrund für diese Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte sieht der Psychiater in der Tatsache, dass es kaum noch Erwachsene gibt, die in sich ruhen. Vor allem der Wechsel vom analogen auf das digitale Zeitalter wird von immer weniger Menschen verkraftet, so Winterhoff. Alles geht schneller, jeder ist permanent erreichbar, die Krisenmeldungen aus aller Welt prasseln minutenschnell über uns herein. "Die Gesellschaft bietet keine Orientierung mehr, keine positive Perspektive." Das alles führt zu einer immensen Belastung, die den Körper auf Katastrophenalarm einstellt. Der Erwachsene gerät in den Zustand der Daueranspannung und ist 24 Stunden am Tag versucht, zu retten, was zu retten ist. Was dabei verloren geht: die für den Umgang mit Kindern immens wichtige Intuition.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2013-02-22 20:29:11
Letzte Änderung am 2013-02-26 15:34:04


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