• vom 09.08.2013, 17:23 Uhr

Mensch


Nahrung

Brust oder Keule




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Von Eva Stanzl

  • Künstliches Fleisch würde "nur kleine Herden von Spender-Tieren" benötigen, doch Massenproduktion dauert
  • Künstlicher Burger: Vor der Marktreife muss noch viel geforscht werden.

Hamburger aus dem Geschäft (links), Fleisch aus Labor (Mitte), rohes Rindfleisch (rechts). - © Univ. Maastricht

Hamburger aus dem Geschäft (links), Fleisch aus Labor (Mitte), rohes Rindfleisch (rechts). © Univ. Maastricht

Maastricht/Wien. "Wie Fleisch, aber nicht so saftig", befanden die beiden Verkoster, als sie jüngst in London vor laufender Kamera den ersten im Labor gezüchteten Hamburger zerkauten. Mark Post ließ sich vom Urteil des US-Ernährungsautors Josh Schonwald und der österreichischen Lebensmittelforscherin Hanni Rützler die Stimmung nicht nehmen und nannte seine Kreation einen "guten Start". Bei einem sorgfältig orchestrierten Medienevent hatte der Stammzellenforscher der Universität Maastricht das erste Fleischgericht aus der Retorte präsentiert.

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Um den Hamburger zu machen, hatte Post zwei Kühen Stammzellen entnommen, diese millionenfach vervielfältigt und sie dann zu Muskelzellen heranwachsen lassen, jede nur drei Millimeter lang. Danach wickelte der Forscher die Muskelzellen um Agarose herum, ein Gel-artiges Polymer, das aus Algen gewonnen wird. Er nährte die Zellen in einer Lösung aus pflanzlich gewonnenen Aminosäuren, Zucker und Fett. Innerhalb von sechs Wochen bildeten sich Muskelstreifen. Aus 20.000 der im Labor gezüchteten Muskelstreifen ließ sich ein Burger formen.

Das teuerste Fleischlaibchen
Das neue Fleischleibchen mag von einem saftigen Filetsteak zwar noch weit entfernt sein. Doch künstliches Fleisch zu schaffen ist alles andere als trivial. Würden sie ein Steak erzeugen wollen, müssten die Wissenschafter Rinder-Stammzellen zu großen, dreidimensionalen Strukturen heranwachsen lassen, was bisher noch nie gelungen ist. Es müssten mehr Nährstoffe zugeführt werden und Blutzellen. Myogrlobin, das den Muskel rot färbt und Eisen enthält, wird ansonsten kaum in anderen Zellen hergestellt. Ohne sie wäre das Steak farblos. Es müsste außerdem Fettzellen enthalten. Deren Fehlen erklärt, warum das mit 250.000 Euro Entwicklungskosten teuerste Fleischlaibchen der Welt nicht so saftig ist.

Die Rechnung übernahm Sergey Brin, Co-Gründers von Google. Sie könnte sich eines Tages bezahlt machen. "Schon in 40 Jahren könnte Fleisch sehr teuer werden. Dann wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden angewachsen sein und der Fleischbedarf steigen. Dabei werden schon jetzt 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Viehzucht genutzt", betont Post in einem Interview mit dem britischen "Independent".

Die globale Fleischindustrie erzeugt 288 Millionen Tonnen Fleisch jedes Jahr. Laut der Food and Agriculture Organisation (FAO) der UNO werden es 2050 doppelt so viel sein, vor allem aufgrund der wachsenden Mittelklasse in Entwicklungsländern. Jeder Deutsche vertilgt 60, jeder Österreicher 70 und jeder Brite sogar 85 Kilo Fleisch im Jahr. In China ist der Fleischverbrauch pro Person in den vergangenen 30 Jahren von 14 Kilo auf 60 Kilo gestiegen. Jedes Kilo in unserem Mägen benötigt zehn Kilo pflanzliches Tierfutter und Düngemittel. 18 Prozent der ausgestoßenen Treibhausgase gehen auf das Konto der industriellen Tierzucht.

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Nahrung, Lebensmittel

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Dokument erstellt am 2013-08-09 17:26:04



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