• vom 25.06.2014, 19:00 Uhr

Mensch


Ressourcennutzung

Kooperation schlägt Egoismus




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  • Biomathematiker Martin Nowak: Mehrheitsentscheidungen sichern nachhaltige Ressourcennutzung.

Martin Nowak kürzlich beim "Alpbach Talk" in Wien. - © S. Rainsborough

Martin Nowak kürzlich beim "Alpbach Talk" in Wien. © S. Rainsborough

Wien/Cambridge (USA). (apa/ski) Entscheidet man demokratisch, wie viel eines nachwachsenden Rohstoffs jedem zusteht, überstimmt eine vernünftige Mehrheit im Normalfall gierige Einzelpersonen. Das fanden Forscher der Harvard University (USA) um den Österreicher Martin Nowak heraus. So sei es möglich, Ressourcen über Generationen zu erhalten, berichten sie im Fachjournal "Nature". Nachwachsende Ressourcen wie Regenwälder, Fischgründe oder saubere Luft werden rasch ausgebeutet, wenn sich jeder beliebig daran bedient. Leidtragende sind die nachfolgenden Generationen.

Um bessere Lösungen zu finden, entwickelten die Harvard-Forscher gemeinsam mit Kollegen der Universität Yale ein Onlinespiel. Neben dem Biomathematiker Martin Nowak war mit Oliver Hauser ein zweiter Österreicher maßgeblich an der Studie beteiligt. Bei diesem modifizierten "Public Good Game" bilden je fünf Spieler eine Generation. Jeder von ihnen darf sich von insgesamt 100 Stück einer Ressource einen Anteil von bis zu 20 Stück nehmen. Waren die Teilnehmer maßvoll und wurde nicht mehr als die Hälfte der Ressource verbraucht, konnte sich diese erholen und stand im selben Maß auch der nächsten Generation zur Verfügung. Obwohl die meisten Spieler (68 Prozent) kooperativ agierten, war in 20 verschiedenen Spielgruppen spätestens für die vierte Generation nichts mehr übrig, berichten die Forscher.

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"Typischerweise ging das Spiel so aus, dass vier Teilnehmer großzügig waren, während einer komplett egoistisch handelte", erklärte Nowak in einer Aussendung der Harvard University. Das Problem sei vermutlich, dass manche Spieler zu ihrem maximalen Nutzen entscheiden, weil sie nicht wollten, dass andere Teilnehmer einen höheren Anteil bekommen. "Dies illustriert gewissermaßen, wieso der freie Markt bei Problemen wie dem Klimawandel versagt", so Nowak. Selbst wenn man gerne mit zukünftigen Generationen kooperieren würde, tue man es vielleicht nicht, weil man in der Gegenwart nicht ausgenutzt werden wolle.

In weiteren 20 Spielgruppen, in denen die Entscheidungen demokratisch fielen, blieben die Ressourcen jedoch stets bis zum Ende des Spiels erhalten. Dabei stimmten die Teilnehmer ab, wie viel von dem Rohstoff jeder entnehmen durfte, und jeder konnte den Median davon einstreifen. Beim Median werden die entnommenen Rohstoffmengen in zwei Hälften verteilt, wobei die Werte in der einen Hälfte kleiner als der Medianwert sind, in der anderen größer. So konnte eine maßvolle Mehrheit stets eine unverschämte Minderheit überstimmen und keiner riskierte, ausgenutzt zu werden.

"Für mich ist es besonders überraschend, dass es eine große, altruistische Mehrheit gibt, wenn abgestimmt wird", erklärte Nowak. Bisher sei man etwa beim Aufbau von Institutionen davon ausgegangen, dass die einzelnen Menschen in der Masse eigennützig entscheiden und man Einrichtungen so designen muss, dass sie trotzdem gute Dinge realisieren können. Die Studie enthalte eine wichtige Botschaft an die Entscheidungsträger: Mit dem Wissen, dass die meisten Leute uneigennützig sind, könne man effektiver Politik betreiben.

"Weltweite Demokratie" nötig
Weiters zeigte sich, dass Demokratie nur sinnvoll ist, wenn man sich an Abstimmungen hält. Waren nämlich drei Mitspieler an die Entscheidung gebunden und zwei konnten sich frei bedienen, waren die Ressourcen bald am Ende. "Abstimmungen, die nur teilweise bindend sind, wie das Kyoto-Protokoll, haben daher kaum Gewicht", so die Forscher. Daten aus der "realen Welt" würden die Ergebnisse erhärten. Von 128 analysierten Ländern hätten jene die nachhaltigere Energie-Politik, wo demokratischer regiert werde. Aus Sicht Nowaks ist das in der Studie vorgestellte System derzeit nur lokal anwendbar, dort, wo es demokratische Strukturen gibt: "Um die globalen Probleme zu lösen, bräuchten wir eine weltweite Demokratie."




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Dokument erstellt am 2014-06-25 16:35:04



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