• vom 21.11.2014, 17:43 Uhr

Mensch


Religiosität

Religion wächst in den Städten




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Von Heiner Boberski

  • Internationale Tagung in Wien sieht Immigration als Gegengewicht zur Säkularisierung.

Zuwandererfamilien haben mehr Kinder und sind religiöser.

Zuwandererfamilien haben mehr Kinder und sind religiöser.© KidStock/Blend Images/corbis Zuwandererfamilien haben mehr Kinder und sind religiöser.© KidStock/Blend Images/corbis

Wien. Religion behält für viele Menschen große Bedeutung. Man dürfe beim Blick auf die Säkularisierung und den Rückgang religiöser Praxis in vielen westlichen Ländern nicht die ganze Welt aus dem Auge verlieren, sagt Vegard Skirbekk, Forscher aus Norwegen am Internationalen Institut für Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Man brauche nur auf Indien schauen, voraussichtlich bald das bevölkerungsreichste Land der Erde, in dem es nur eine minimale Zahl von Konfessionslosen gebe. Auch in mehreren anderen wachsenden Ländern Asiens und Afrikas, vor allem in muslimisch geprägten wie Pakistan, Afghanistan und Algerien, seien die Gesellschaften stark religiös geprägt.

Skirbekk hielt am Donnerstag das Eingangsreferat bei der zweitägigen Wirel-Konferenz (Wirel steht für "Wien Religion") zum Thema "Religion in Wien: Urbane Trends im europäischen Kontext" (die "Wiener Zeitung" berichtete am 19. und 20. November bereits ausführlich über die Aspekte zur religiösen Zukunft der Bundeshauptstadt) und widmete sich den weltweiten Entwicklungen. Indien mit der großen Mehrheitsreligion Hinduismus ist dafür ein Beispiel, die USA sind ein anderes: Dort nehmen die Protestanten ab, am stärksten wächst die Gruppe der Areligiösen, gefolgt von katholischen Einwanderern mit spanischer Muttersprache ("Hispanics"). Vor allem Säkularisierung und Immigration verändern die religiöse Landschaft, aber nicht nur in den USA.

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"Die Säkularisierung geht weiter", sagt Vegard Skirbekk, "aber wir stellen fest, dass religiöse Menschen mehr Kinder kriegen. Das bedeutet einen gegenteiligen Effekt zur Abwanderung aus den Religionsgemeinschaften in vielen westlichen Ländern." Auch wenn in der nächsten Generation nicht alle Nachkommen religiös bleiben, es interessieren sich auch wieder Menschen aus nichtreligiösen Familien für Religion, und vor allem Zuwanderer - deren Zahl heutzutage hoch ist - sind im Durchschnitt religiöser als die Menschen, in deren Heimat sie kommen.

"Die Demographie weist in Richtung mehr Religion", unterstrich auch der britische Experte Eric Kaufmann vom Birkbeck College der Universität London. Seine Argumente dafür sind das weltweit größte Bevölkerungswachstum in jenen Ländern, in denen es kaum areligiöse Menschen gibt, das ständige Wachsen der großen Städte gegenüber einem Bevölkerungsrückgang auf dem Land sowie die Konzentration von Immigranten in diesen Städten - meist mit hoher Religiosität und mehr Kindern. "Diese Menschen bedeuten nicht nur einen ethnischen Wandel", so Kaufmann, "sie bringen auch Religion in säkulare Gesellschaften." Die Großstädte seien "die Laboratorien für die Zukunft von Religion im Westen", betonte Kaufmann.

Während etwa in London bei der ansässigen Bevölkerung die Religiosität von Generation zu Generation deutlich abnehme, bleiben Einwandererkinder der Religion ihrer Eltern in hohem Maß als praktizierende Mitglieder treu. Sikhs, Muslime und Hindus tun das noch mehr als christliche Immigranten aus Afrika oder der Karibik, sie bleiben auch bei Heiraten zu etwa 90 Prozent unter sich, bei Christen sind es etwa zehn Prozent weniger.

Mit vielen klugen Referaten, unzähligen Grafiken und Tabellen in schneller Abfolge auf der Bildwand und angeregten Diskussionen lieferte die Wirel-Tagung ein umfassendes Bild über Religion heute - in Wien, in Europa und auf der ganzen Welt. Hohe Bildung, Mischehen, geringe Fertilität und Sesshaftigkeit gehen eher mit Säkularisierung und Entfremdung von der Religion einher, niedrige Bildung, größere Kinderzahlen und Migration eher mit Religiosität.

Die vom Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital unter Federführung der Expertin Anne Goujon organisierte Tagung machte deutlich, dass es beide Trends gibt: etwas mehr Konfessionslose auf der einen, dafür eine intensivere Religiosität auf der anderen Seite. Die Frage, ob daraus mehr ein Gegeneinander als ein Nebeneinander wird, bleibt offen.




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Dokument erstellt am 2014-11-21 17:47:04



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