• vom 18.02.2015, 17:01 Uhr

Mensch

Update: 18.02.2015, 17:26 Uhr

Bildbetrachtung

Kunst wirkt am besten im Museum




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  • Bilder im Museum werden als interessanter eingeschätzt und länger angeschaut als die gleichen Objekte auf einem Bildschirm.

Der Kontext macht‘s aus: Velasquez-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien.

Der Kontext macht‘s aus: Velasquez-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien.© apa/Neubauer Der Kontext macht‘s aus: Velasquez-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien.© apa/Neubauer

Wien. (apa/est) Museen weltweit suchen den Weg ins Internet, wo sie mit Mitmach-Angeboten locken, bei denen Interessierte eigene digitale Kunstwerke schaffen können. Für die reine Kunstbetrachtung sind ihre Hallen allerdings immer noch der beste Ort.

Wiener Psychologen haben in zwei separaten Studien nachgewiesen, warum die Eintrittskarten ihr Geld wert sind. Denn Kunst, die im Museum betrachtet wird, wird als gefälliger und interessanter eingeschätzt und auch länger angeschaut als die gleichen Objekte auf einem Bildschirm. Außerdem erinnerten sich Menschen, die Kunstwerke zuerst in einer Ausstellung gesehen hatten, an fast doppelt so viele Bilder.

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Die Forscher um David Brieber von der "Cognitive Science Research Platform" der Universität Wien bildeten drei Studentengruppen, die sich Kunstwerke in unterschiedlichen Umgebungen und Abfolgen ansahen. Die erste Gruppe sah die Bilder einer Ausstellung im Wiener Museum auf Abruf zwei Mal auf Bildschirmen im Labor, die zweite Gruppe betrachtete die gleichen Bilder zuerst im Museum und danach im Labor und die Dritte sah die Werke in umgekehrter Reihenfolge an.

Eine Woche nach der ersten Sichtung - am Bildschirm oder im Museum - wurden die Probanden befragt, woran sie sich noch erinnern konnten. Danach sahen sie die Bilder erneut im jeweils anderen Kontext und wurden erneut befragt. Unabhängig davon, wo die Werke zuerst betrachtet wurden, schätzten die Teilnehmer die Museums-Bilder durchgehend "als emotional positiver, anregender, gefälliger und interessanter ein als jene auf den Bildschirmen", erklärt Brieber. Jene Personen, die zuerst im Museum waren, konnten sich zudem an etwa doppelt so viele Werke erinnern. "Wir haben also eine viel stärkere und bessere Verankerung im Gedächtnis, wenn Menschen die Bilder im Museum wahrnehmen und erleben", so Brieber.

Hier zeige sich abermals, dass das Umfeld, in das ein Erlebnis eingebettet ist - die Forscher sprechen vom Kontext -, die Gedächtnisleistung entscheidend beeinflusst. "Wir konnten zeigen, dass die Leute mental nochmals durch die Museumsräumlichkeiten durchgingen. Die Verankerung der Bilder im Raum hat ihnen geholfen, sich besser zu erinnern", erklärte Brieber. Personen, die die Bilder nur am Bildschirm sahen, konnten auf diesen räumlichen Kontext nicht zurückgreifen und sich entsprechend schlechter erinnern, berichten die Forscher im Fachblatt "Acta Psychologica". Dass ein Kunstwerk im Museum besser wirkt, ist laut dem Forscher nicht unbedingt überraschend. Gefällt ein Bild am Bildschirm nicht, werde es zwar im Museum nicht plötzlich als großartig eingestuft - dennoch wirke es dort "alles ein wenig besser".

Verankerung im Raum
Dass dem so ist, sei vorher noch nie in dieser Form wissenschaftlich belegt worden, betonen die Forscher. Es sei wichtig, über diese doch erheblichen Unterschiede Bescheid zu wissen, denn die empirische Kunstforschung werde meist in Labors durchgeführt. Man müsse sich daher die Frage stellen: "Was entgeht einem im Vergleich zum echten Museumserleben? "

In einer anderen Untersuchung hat die Gruppe mit einem ähnlichen Versuchsaufbau die Betrachtungszeiten und Blickbewegungen der Versuchspersonen beim Ansehen von Kunstwerken gemessen. Auch in der in der Fachzeitschrift "Plos One" publizierten Studie ergab sich dasselbe Bild. "Es hat sich zusätzlich gezeigt, dass die Leute im Museum mehr Zeit vor den Bildern verbringen als am Bildschirm", so Brieber. Während im Labor die Mehrdeutigkeit eines Kunstwerks die Betrachtungszeit verkürzte, regte sie im Museum zu einer längeren Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk an.

Die Forscher wollen nun den Gründen für den Unterschied nachgehen. Ob es an der Aura des Originals, der Größe der Bilder im Museum, der Bildoberfläche oder daran liegt, dass man die Werke in einem sozialen Kontext betrachtet, sei noch unklar. Brieber: "Höchstwahrscheinlich ist es eine Interaktion mehrerer Faktoren, die das erhöhte Kunsterlebnis im Museum ausmacht."




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Dokument erstellt am 2015-02-18 17:05:05
Letzte ─nderung am 2015-02-18 17:26:01



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