• vom 08.09.2015, 16:07 Uhr

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Von Heiner Boberski

  • Gespräch mit dem Demographen Wolfgang Lutz anlässlich von "40 Jahre Weltbevölkerungsprogramm" am IIASA.

Wolfgang Lutz: "Die größten Migrantenströme von heute kommen gar nicht zu uns."

Wolfgang Lutz: "Die größten Migrantenströme von heute kommen gar nicht zu uns."© apa/herbert Neubauer Wolfgang Lutz: "Die größten Migrantenströme von heute kommen gar nicht zu uns."© apa/herbert Neubauer

Wien. "Die Migration ist heute nicht stärker denn je. Und Menschen über 60 Jahre gehören noch lange nicht zum alten Eisen." Mit diesen zwei Aussagen will der Demograph Wolfgang Lutz nur zwei weitverbreitete Fehlmeinungen zurückweisen, die nicht mit aktuellen Erkenntnissen seiner Fachrichtung übereinstimmen.

Wenn heute, Mittwoch, drei von ihm geleitete Forschungsinstitute Jubiläen feiern, ist sein größter Wunsch, dass die Politik demographische Studien mehr beherzigt. "Ich wünsche mir eine wissenschaftsbasierte Diskussion, nicht nur ideologische Reflexe." Dann müsste auf globaler Ebene die Bedeutung des "Humankapitals", einer mit möglichst viel Bildung ausgestatteten Bevölkerung, erkannt werden. In Europa gehe es vor allem darum, die Alterung nicht nur als Last und Gefahr zu sehen, sondern die Chance zu nutzen, dass heutige Senioren punkto Gesundheit und kognitiver Fähigkeiten viel besser dastehen als frühere Generationen. Es sei zu einfach, angesichts des wachsenden Anteils der Bevölkerung über 65 Jahre das "große Gespenst der Pensionskrise" im Mund zu führen. In Ländern wie Norwegen oder der Schweiz arbeiteten viele Menschen zehn Jahre länger als bei uns, und für die gebe es auch einen Arbeitsmarkt.


Seit der NS-Zeit diskreditiert
Gefeiert werden am Campus der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) mehrere Anlässe. Das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wird 40 Jahre alt und eröffnet offiziell seine neuen Räumlichkeiten am WU-Campus. Auch das Weltbevölkerungsprogramm am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg feiert sein 40-jähriges Bestehen. Und zudem ist es fünf Jahre her, seit Wolfgang Lutz den Wittgenstein-Preis bekommen und mit dem Preisgeld das "Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital" initiiert hat, als gemeinsames Dach für das ÖAW-Institut, das IIASA-Programm und seine Demographie-Gruppe an der WU, wo er seit 2010 eine halbe Professur innehat. Eine ganze war wegen seiner anderen Verpflichtungen, die er nicht aufgeben wollte, nicht möglich.

Damit hat aber die Demographie erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in Österreich wieder "einen Fuß in der universitären Tür", freut sich Lutz. Denn das Fach war im deutschsprachigen Raum seit der Zeit des Nationalsozialismus diskreditiert. Damals hatte man aus der Gesellschaft für Demographie eine "für Rassenhygiene" gemacht. Erst über außeruniversitäre Forschung - an der ÖAW und am IIASA - wurde Demographie wieder salonfähig. Wolfgang Lutz machte sein Doktorat in den USA und wurde dann an diesen Einrichtungen tätig, die er nun schon seit Jahren leitet.

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Dokument erstellt am 2015-09-08 16:11:04



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