• vom 19.04.2016, 18:00 Uhr

Mensch


Nahrungsmittel

Muttermilch - eine Marke, die wirkt




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  • Die körpereigene Nahrung ist aufgrund ihrer Bestandteile viel mehr als nur Nahrungsmittel, betonen Forscher.

Gestillte Säuglinge genießen einen hohen Schutz. - © Fotolia/Gradt

Gestillte Säuglinge genießen einen hohen Schutz. © Fotolia/Gradt

Zürich. Muttermilch ist durch nichts zu ersetzen - diese viel zitierte Aussage stimmt zwar nicht ganz, denn auch mit Milchersatznahrung wachsen Säuglinge gesund heran. Dennoch ist die körpereigene Nahrung das Produkt von Millionen Jahren Evolution und scheint weit mehr zu sein als nur ein Nahrungsmittel. Mit mehr als 200 verschiedenen Zucker-Molekülen besitzen Menschen noch dazu die komplexeste Muttermilch aller Säugetieren, wie die Schweizer Forscher Thierry Hennet und Lubor Borsig von der Uni Zürich im Fachblatt "Trends in Biochemical Sciences" berichten.

Gerade diese Komplexität erschwert es Wissenschaftern, die vielen Effekte der Muttermilch für Mutter und Kind zu enträtseln. Bisherige Forschungen zeigen allerdings, dass Stillen die Säuglingssterblichkeit reduziert und das Neugeborene vor Infektionskrankheiten schützt.

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Die Bildung der Milch in der mütterlichen Brust beginnt bereits in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft, wodurch auch schon Frühchen mit der Vormilch oder Kolostrum genannten Nahrung versorgt werden können. In den ersten Wochen nach der Geburt bildet jede Brust im Durchschnitt 450 Gramm Milch pro Tag. Dies reduziert sich nach rund eineinhalb Jahren je nach Stillintensität auf etwa 200 Gramm, schreiben die Forscher.

Aufbau des Mikrobioms
In den ersten Tagen nach der Geburt diene die Muttermilch aber weniger dazu, die kindliche Ernährung sicherzustellen. Stattdessen förderten die vielen in der Milch befindlichen Zucker-Moleküle anscheinend gezielt die Besiedelung des bis dato keimfreien Darms der Neugeborenen mit Bakterien. "Babys haben keine Maschinerie, um diese Zucker zu verdauen, sie sind also eigentlich für die Bakterien - es ist wie ein Saatboden, und die Muttermilch ist der Dünger", erklärt Hennet.

Im Verlauf der Stillzeit ändere sich die Zusammensetzung der Zucker-Moleküle. Damit verändere sich auch die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft - das Mikrobiom - im Darm. Heute ist bekannt, dass das Mikrobiom die Entstehung von Übergewicht oder Asthma beeinflusst.

Die Muttermilch unterstütze zudem die Entwicklung des kindlichen Immunsystems, bestätigten die Forscher. Direkt nach der Geburt enthalte sie einen sehr hohen Anteil an bioaktiven Proteinen, etwa Antikörper, Cytokine, Defensine oder Lactoferrin. Sie bremsen das Wachstum von Krankheitserregern und schützen das Baby, bis sein Immunsystem mit etwa einem Monat nach und nach selbst die Abwehr von Erregern übernehme. Die Zahl der mütterlichen Antikörper in der Milch sinke dann drastisch um etwa 90 Prozent. Auch die Vielfalt der Zucker-Moleküle nehme ab, der Fettanteil aber zu, um das Wachstum des Babys zu begünstigen.

Positives überwiegt
Mit der Muttermilch gelangten aber nicht nur schützende Substanzen zum Baby. Schadstoffe, die sich im Brustgewebe ansammeln, wie Schwermetalle, Pestizide oder hormonähnliche Stoffe gelangen zum Säugling. Die positiven Effekte würden im Vergleich mit Milchersatznahrung aber überwiegen, dennoch "müssten wir vorsichtig sein, irgendwelche Empfehlungen zu geben", erklärt Hennet. Die Familien selbst sollten die Entscheidung für oder gegen das Stillen treffen - nicht die Wissenschafter, so die Forscher.




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Dokument erstellt am 2016-04-19 16:20:08



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