• vom 30.05.2016, 16:49 Uhr

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  • Forscher: Österreicher und Japaner betrachten Gemälde unterschiedlich.

Sozio-kulturelle Einflüsse prägen nicht nur den Malstil, sondern auch die Betrachtung. - © Fotolia/Pixeltheater

Sozio-kulturelle Einflüsse prägen nicht nur den Malstil, sondern auch die Betrachtung. © Fotolia/Pixeltheater

Wien. Fragt man einen Japaner nach dem Betrachten eines Gemäldes über den Hintergrund, so kann dieser darüber wahrscheinlich besser Auskunft geben als ein Österreicher. Umgekehrt konzentrieren sich Europäer stärker auf Hauptmotive. Diese Beobachtungen sind das Ergebnis einer Studie österreichischer Forscher über die gesellschaftliche Prägung beim Kunstgenuss.

Dass es einen solchen Einfluss gibt, wird schon länger diskutiert: So führte in den 1970er Jahren der britische Kunsthistoriker Michael Baxandall den Begriff des "Period Eye" ein. Damals zeigte er systematische Unterschiede in Kunstwerken, die in der Frührenaissance im Raum Florenz und in Süddeutschland und Österreich entstanden waren, und fand dafür sozio-kulturelle Begründungen.

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Weil die florentinischen Händler des 15. Jahrhunderts gut im Abschätzen der Volumina von damals nicht genormten Fässern sein mussten und daher viel Geometrieunterricht erhielten, gefielen ihnen vor allem geometrisch geprägte Gemälde. Im Norden interessierten sich zur gleichen Zeit Kunstkäufer weniger für Geometrie, "aber man hatte einen besonderen Kult um schöne Schrift", so der Kunsthistoriker und Psychologe Raphael Rosenberg von der Uni Wien. Die Werke waren entsprechend kalligrafisch orientiert.

"Eye-Tracker" misst Verhalten
Bei der Analyse des Einflusses aktueller kulturspezifisch geprägter Betrachtungsgewohnheiten setzten die Forscher in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt auf eine ausgeklügelte Methode: Anhand der Daten zweier Infrarotkameras, die den Betrachter aus der Richtung des Gemäldes aufnehmen, kann mit einer speziellen Software berechnet werden, wie dessen Blicke über das Bild wandern.

Mit diesem "Eye-Tracker" analysierte das Team um Rosenberg das Verhalten von je 50 Personen aus Japan und Österreich beim Betrachten verschiedener Bilder. Im Durchschnitt achteten die Österreicher mehr auf die gezeigten Hauptmotive, während sich die Japaner stärker auf deren Umfeld konzentrierten, also ihren Blick stärker über die Bilder wandern ließen. Das könnte dadurch begründet sein, dass in der westlichen Welt die Orientierung am Individuum hochgehalten wird, während asiatische Kulturen stärker von der Betonung des Kollektivs geprägt sind, so die Forscher.

Auch bei der ersten Orientierung scheinen Österreicher und Japaner anders zu sein. In den ersten fünf Betrachtungs-Sekunden sprang der Blick der Österreicher rasch zwischen verschiedenen Punkten im Bild herum. Danach änderte sich die Betrachtungsstrategie deutlich. "Es gibt eine gewisse Strategie der Ersterfassung des Bildes bei westlich geprägten Menschen, die bei Japanern nicht so zu beobachten ist", so Rosenberg.

In Folge wollen die Forscher den Einfluss von Geschlechterbildern auf die visuelle Wahrnehmung analysieren.




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Dokument erstellt am 2016-05-30 16:53:05



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