• vom 10.10.2016, 09:48 Uhr

Mensch

Update: 11.10.2016, 13:46 Uhr

Wissenschaft

Von Scharlatanen und Wunderheilern




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Von Julia Mathe

  • Pseudowissenschaften profitieren von Angst und Verunsicherung. Die Verleihung des Goldenen Bretts macht mit einem humoristischen Seitenhieb darauf aufmerksam.

Mit Wundermitteln gegen Chemtrails lassen sich gute Geschäfte machen.

Mit Wundermitteln gegen Chemtrails lassen sich gute Geschäfte machen.© APAweb / AFP, A. Solaro Mit Wundermitteln gegen Chemtrails lassen sich gute Geschäfte machen.© APAweb / AFP, A. Solaro

Wien. "Über Chemtrails sind Sie informiert?", fragt der Herr am Telefon sicherheitshalber nach, bevor er loslegt. Er kombiniert Physik mit Esoterik, Fakten mit Mutmaßungen. Als Zuhörer verliert man unweigerlich den Faden, weil es keinen gibt. "Die Akasha-Säule funktioniert wie eine Pumpe: Sie zieht Lebensenergie an, wandelt diese um und stößt sie wieder ab. Dadurch entsteht ein Energiefeld, das mindestens zehn Quadratkilometer weit reicht", sagt Dominik Ganzer mit Elan. "Wie ein ausgestochenes Loch" sei der Himmel über der Säule stets frei von Kondensstreifen und Smog. Eine Kundin erzählte ihm, sie fühlte sich nach Anschaffung der Säule zwei Wochen lang wie verliebt. Ein anderer Kunde könne wieder durchschlafen. Der Spaß kostet 4.499 Euro.

Michael Horak will die Säule nicht kaufen, sondern auszeichnen. Und zwar mit dem Goldenen Brett, das für den "größten antiwissenschaftlichen Unfug des Jahres" verliehen wird. Die Säule sei ein heißer Anwärter, "weil sie so ein kurioses Ding ist und die Leute sie tatsächlich kaufen", sagt Initiator Horak. Die Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften verleiht den Schmähpreis seit 2011, um auf Personen und Institutionen im deutschsprachigen Raum aufmerksam zu machen, die unter dem Deckmantel der Pseudowissenschaften "Leute für dumm verkaufen, Ängste schüren oder Kranken das Geld aus der Tasche ziehen."

Information

Das Goldene Brett ist ein ironischer Negativpreis, der jährlich den "größten antiwissenschaftlichen Unfug" im deutschsprachigen Raum auszeichnet. Die öffentliche Verleihung findet am Dienstag, 11. Oktober um 20 Uhr in der Urania in Wien statt.

40 bis 45 Säulen hat Dominik Ganzer aus Bayern bereits verkauft. Echter Kassenschlager seien aber seine harmonisierenden Amulette, erzählt er: "Die Anfragen dazu gehen durch die Decke". Seinen Jahresumsatz schätzt er auf 300.000 bis 400.000 Euro. Sieht man sich Ganzers Internetauftritt an, wird schnell klar, dass sein Geschäftsmodell auf einem Gebilde von abstrusen Behauptungen basiert. Wissenschafter schlagen dabei die Hände über dem Kopf zusammen.

Kampf gegen Geister

Eine dieser Behauptungen ist, dass Chemtrails die Atmosphäre vergiften würden. Der Verschwörungstheorie zufolge sind nicht alle Kondensstreifen am Himmel auf Flugzeugabgase zurückzuführen, sondern auf böse Mächte, die mittels Chemikalien der Weltbevölkerung schaden möchten. Kein renommierter Wissenschafter hat diese These bisher bestätigt - die Akasha-Säule wird trotzdem zur Abwehr von Chemtrails vermarktet. Genauso fragwürdig ist das Baumaterial der Säule: Der 20 Kilogramm schwere Sockel besteht aus "Orgonit", einem Begriff, der ausschließlich in der Welt der Esoterik Verwendung findet. Die "Mischung aus Kunstharz, Edelsteinen und Edelmetallen" soll Lebensenergie ausstrahlen und basiert auf der Lehre eines österreichisch-amerikanischen Wissenschafters: Auf Wilhelm Reichs "Theorie des Orgasmus", die seit den 30er-Jahren der Pseudowissenschaft zugeordnet wird. Kurz: Ganzer verkauft eine Säule aus einem Material, das nicht existiert, um etwas zu bekämpfen, das ebenfalls nicht nachweisbar existiert.

Doch warum glauben Menschen Aussagen, die Naturgesetzen widersprechen? Die sich mittels Internetrecherche binnen Sekunden widerlegen lassen? "Menschen funktionieren nicht auf rationaler Basis", sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. "Sie werden vielmehr von ihren Emotionen gesteuert. Die Esoterik erfüllt da ganz viele Bedürfnisse, etwa das Bedürfnis nach Sicherheit." Dass momentan eine generelle Angststimmung in der Gesellschaft herrsche, komme der Esoterik zugute, sagt die Psychotherapeutin. Fühlt man sich verunsichert oder bedroht, sind Produkte wie die Akasha-Säule ein attraktives Angebot: Sie suggerieren, dass man auf einfachem Weg sein Wohlbefinden steigern kann. Wissenschaftliche Widersprüche treten dann in den Hintergrund: "In solchen Situationen ist es viel wichtiger, dass einem jemand eine Lösung für sein Problem bietet. Argumente, die dagegen sprechen, schiebt man weg und sagt, die Wissenschaft weiß ja nicht alles."

Solche Gedankenmuster können nicht nur Geld kosten, sondern mitunter das Leben: Etwa im Fall der leukämiekranken Eleonora Bottaro, deren Eltern auf den "Wunderheiler" Ryke Geerd Hamer vertraut und ihrer minderjährigen Tochter die Chemotherapie verweigert hatten. Die inzwischen 18-jährige Italienerin ist vor wenigen Wochen gestorben. Schon 1995 sorgte der ehemalige deutsche Arzt Hamer mit einem ähnlichen Vorfall in Österreich - dem "Fall Olivia" - für internationale Schlagzeilen. Es stehen Haftbefehle in mehreren europäischen Ländern gegen ihn aus. Nun ist er Anwärter auf das "Goldene Brett", das auch Gefahren aufzeigen soll: "Unser Ziel ist, nicht nur Kurioses hervorzuheben, sondern das ganzes Spektrum abzudecken. Deshalb bewerten wir Einreichungen auch nach den Kriterien der kommerziellen Nutzung, Gefährlichkeit und Verbreitung", sagt Horak.

Spaß mit Ernst

Ob Privatkonkurs oder gar der Tod, Pseudowissenschaften können gravierende Auswirkungen haben. Das wirft die Frage auf, ob es angebracht und zielführend ist, hierzu ein Satireevent zu veranstalten. Horak verteidigt den Preis als Vehikel für eine breite Öffentlichkeit: "Artikel darüber, wie gefährlich Pseudowissenschaften sind, erwischen immer die gleiche Gruppe. Wir versuchen, mit einem humoristischen Seitenhieb Personen zu erreichen, die sonst nicht mit der Thematik in Berührung kommen würden", sagt er.

Ulrike Schiesser schlägt in dieselbe Kerbe: "Wenn es einen Bereich in der Demokratie gäbe, über den man keine Satire machen darf, würde ich mir schon sehr Sorgen machen." Es komme aber darauf an, an wen sich die Satire richtet: Über hilfesuchende Personen, die der Pseudowissenschaft verfallen, dürfe man sich keinesfalls lustig machen. Über die Dampfplauderer, die sich daran bereichern, aber sehr wohl.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-10 09:53:06
Letzte ─nderung am 2016-10-11 13:46:51



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