• vom 15.12.2016, 20:00 Uhr

Mensch


Ökologie

Straßen zerfurchen die Natur




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Von Alexandra Grass

  • Der Erdball ist in 600.000 Fragmente zerteilt - darunter leidet nicht nur die biologische Vielfalt.

Die globale Karte der straßenfreien Gebiete. Bei den blauen Zonen handelt es sich um besonders große Areale - allerdings sind dort auch noch nicht alle Wege kartiert. Die roten Zonen sind von einem besonders dichten Straßennetz durchzogen. - © Science/P.Ibisch

Die globale Karte der straßenfreien Gebiete. Bei den blauen Zonen handelt es sich um besonders große Areale - allerdings sind dort auch noch nicht alle Wege kartiert. Die roten Zonen sind von einem besonders dichten Straßennetz durchzogen. © Science/P.Ibisch

Berlin/Wien. Straßen ermöglichen dem Menschen, die entlegensten Winkel der Erde zu erreichen. Ob etwa Hammerfest im hohen Norden oder das nigerianische Agadez. Für die Natur bedeuten diese von Menschenhand geschaffenen Verbindungen jedoch drastische Einschnitte. Aufgrund des globalen Straßennetzes ist die Erdoberfläche in mehr als 600.000 Fragmente zerstückelt, schreiben Forscher um den deutschen Biologen Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Fachblatt "Science". Mehr als die Hälfte dieser Teilstücke sind kleiner als ein Quadratkilometer, weitere 30 Prozent kleiner als fünf Quadratkilometer. Nur sieben Prozent messen der Studie zufolge mehr als 100 Quadratkilometer.

Straßen eröffnen der Natur vielfältigste Probleme. So unterbrechen sie etwa den natürlichen Genfluss zwischen den unterschiedlichsten Populationen des Tier- und Pflanzenreichs. Sie erleichtern die Entstehung von Krankheiten, beschleunigen die Bodenerosion und die Kontamination von Flüssen und Sumpfgebieten mit Chemikalien, schreiben die Forscher in ihrer Studie.

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Infektiöse Entwicklung
Und weiter: "Zu den direkten und indirekten Umwelteinflüssen gehören Entwaldung und Zersplitterung, chemische Verschmutzung, Lärmbelästigung, erhöhte Tiersterblichkeit aufgrund von Autounfällen und die Erleichterung von biologischen Invasionen." Durch das Vordringen den Menschen entstanden Abholzung, Entwaldung und Wilderei. Besonders interessant sei die Tatsache, dass Straßen die Entstehung weiterer Wege auslösen, so die Wissenschafter. Sie sprechen dabei von einer "infektiösen Entwicklung".

Die Auswirkungen einer Straße seien in einem Streifen von einem Kilometer entlang jeder Straßenseite am größten. Lärm, Abgase und andere Einflüsse des Verkehrs ziehen die Natur deutlich in Mitleidenschaft. Deshalb bezeichnen die Forscher auch nur jene Areale als frei von Straßen, die jenseits dieser Pufferzone liegen.

Sie orientierten sich in ihrer Studie an den weltweiten Verzeichnissen Open Street Map und Global Roads Open Access Data Set. Ihr liegen insgesamt 36 Millionen Straßenkilometer zugrunde. Die größten zusammenhängenden Freiflächen liegen in der sogenannten borealen Zone (Taiga und Tundra) Nordamerikas und dem Norden Eurasiens sowie in tropischen Gebieten in Afrika, Südamerika und Südostasien. Lediglich neun Prozent dieser Gebiete sind geschützt. Grönland und die Antarktis wurden wegen ihrer großen Eisflächen nicht in die Berechnungen genommen.

Anhand eines eigenen Bewertungsindex wurde den Forschern klar, dass ungefähr ein Drittel der straßenfreien Areale nur wenige ökologische Funktionen und eine geringe biologische Vielfalt aufweisen. Sie sind entweder sehr klein oder liegen in Wüstenregionen. Auch steht der Erhalt straßenfreier Gebiete im Konflikt mit den "Zielen für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen für den Kampf gegen den Hunger und die Ungleichheit in der Welt. Bis zum Jahr 2050 könnte das Straßennetz auf dem Erdball Berechnungen zufolge um mehr als 60 Prozent weiter wachsen.

Für das Sperren von Straßen
Aus der neuen Weltkarte ergibt sich auch, dass nur 9,3 Prozent der straßenfreien Flächen in einem Natur- oder Landschaftsschutzgebiet liegen. Die Forscher plädieren daher dafür, unberührte Gebiete bei der geplanten Ausweitung der Schutzgebiete von derzeit 14,2 auf 17 Prozent besonders zu berücksichtigen. Auch befürworten sie das Sperren von Straßen, um größere Gebiete ohne Wege zu schaffen.




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Dokument erstellt am 2016-12-15 16:23:12



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