• vom 19.01.2017, 20:00 Uhr

Mensch


Biotechnologie

Organe aus dem Reagenzglas




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  • Forscher weisen auf ethische Herausforderungen bei Minigehirnen und Co. hin.



Wien. (gral) Organmodelle, die im Labor aus menschlichen Stammzellen gezüchtet werden und zu einem lebenden Gewebeverband - wie etwa zu Minigehirnen, Mininieren oder einem Minidarm - heranwachsen, zählen zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahre. Mit Hilfe solcher Organoide können die Forscher die Gewebeentwicklung und Krankheiten erforschen sowie Medikamente testen. Aus ethischer Sicht wirft diese neue Technologie allerdings eine Reihe von Fragen auf. Auf diese weisen Wissenschafter um den Wiener Molekularbiologen Jürgen Knoblich im Fachblatt "Science" hin und präsentieren zeitgleich einen Leitfaden für einen kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit dieser Technik.

An den Miniorganen aus dem Reagenzglas kann man studieren, wie sich menschliche Organe normalerweise entwickeln und was der Grund von Störungen ist. Neuartige Substanzen und Therapien können durch diese Technologie sehr viel schneller an menschlichem Material getestet werden. Knoblich, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) in Wien, hatte erstmals im Jahr 2013 Minihirne aus menschlichen Stammzellen im Labor hergestellt und damit weltweit für wissenschaftliche Schlagzeilen gesorgt.


Die Vorteile
Die Technologie bringt neben den erwähnten Anwendungsgebieten noch weitere Vorteile mit sich. So könnte man sie einerseits "als die lange erwartete Alternative zu Tierversuchen ansehen", erklären die Forscher in "Science". Dies sei derzeit aber nur eingeschränkt möglich. Denn die Organoide sind viel kleiner als ihre natürlichen Pendants, es fehlt an Blutgefäßen zur Sauerstoffversorgung, dem Anschluss an Nervenbahnen und ein Immunsystem. Überdies lassen sie sich nur isoliert betrachten und nicht im Wechselspiel mit anderen Organen. Für manche Untersuchungen könnte dies ausreichen, für andere seien dennoch Tierversuche nicht zu ersetzen.

Medikamententest an Organoiden könnten andererseits zumindest erste Tests am Menschen ersetzen, die ethisch "herausfordernd" seien, weil das Risiko und der Nutzen nie komplett abschätzbar seien. Bringen neue Wirkstoffe und Behandlungen bei Miniorganen die gewünschte Wirkung, ohne sie zu schädigen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sie das auch bei "echten Menschen" tun.

"Die Organoide sollten nicht als einfache Lösung gesehen werden, die kontroversiell diskutierte Technologien außer Kraft setzen könnte", warnen die Forscher. Die Verwendung der Miniorgane sei nur eine Ergänzung zu klassischen Forschungsmethoden. Sie sei überdies nicht so moralisch neutral, wie man denken könnte.

Denn für deren Herstellung benötigt man menschliche Zellen, seien es embryonale Stammzellen, Körperzellen, die in einen ursprünglichen Zustand versetzt werden (induzierte pluripotente Zellen), oder die Ausgangszellen von Organen (adulte Stammzellen). Der Bedarf nach solchen werde also steigen, so das Team, was insbesondere bei den ethisch umstrittenen Stammzellen aus Embryonen zu bedenken sei.

Letztlich stammen diese Zellen immer von einem bestimmten Individuum, was etwa bei Minihirnen zu einem weiteren Problem führen könnte: Untersuchungen könnten nämlich Rückschlüsse auf die geistigen Eigenschaften einer Person möglich machen.

Konstruktiver Dialog
Als ethische und politische Herausforderung sehen die Wissenschafter sowohl die Verwendung als auch eine mögliche Langzeit-Lagerung der Organoide in lebenden Biobanken. "Bedachte ethische Zugänge sind auch für erste Transplantationen von Organoiden beim Menschen nötig. Vor allem dann, wenn die Organoid-Technologie mit dem Gene Editing (der Veränderung der DNA etwa mit der Crispr Cas-Methode, Anm.) verknüpft wird", so die Forscher. Knoblich und seine Kollegen fordern politische Rahmenbedingungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit der neuen Technologie sowie einen konstruktiven, interdisziplinären Dialog. Ein Schritt in diese Richtung geht das Imba am 5. April in Form eines Bioethik-Symposiums.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-19 15:59:04
Letzte ─nderung am 2017-01-19 16:11:05



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