• vom 16.03.2017, 16:32 Uhr

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Frühgeborene

Berührung auf Rezept




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  • Bei Frühchen wirkt sich Kuscheln besonders förderlich auf die Gehirnentwicklung aus.

Körpernähe hilft Frühgeborenen in ihrer Entwicklung.

Körpernähe hilft Frühgeborenen in ihrer Entwicklung.© Fotolia/Tobilander Körpernähe hilft Frühgeborenen in ihrer Entwicklung.© Fotolia/Tobilander

Lausanne/Columbus/Wien. (gral) Ein Neugeborenes würde man am liebsten festhalten und nie mehr wieder loslassen. Für viele Babys ist ausgiebiges Kuscheln mit den Eltern auch eine Selbstverständlichkeit - nicht jedoch für Frühchen. Sie verbringen für gewöhnlich viel Zeit abseits von Körpernähe - die ersten Wochen ihres Lebens auf der Intensivstation. Das hat Konsequenzen für die Entwicklung des Berührungsempfindens, aber auch auf jene des Gehirns, berichten nun Forscher im Fachblatt "Current Biology".

Dass ausgiebiges Kuscheln und Streicheln im Baby- und Kleinkindalter Auswirkungen auf die Entwicklung und auch auf das spätere Leben haben, betonen Epigenetiker mittlerweile regelmäßig. Eine höhere Sensibilität und Stressresistenz würden sich aufgrund solch intensiver Berührungseinheiten während der besonders prägenden ersten zwei Lebensjahre herausbilden. Dabei sei es unwesentlich, wer sich um die kleinen Zwerge kümmert - ob nun die Eltern selbst oder andere Personen.

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Jede Minute zählt
Bei Frühchen hat ein Team aus Schweizer und US-Forschern den Einfluss solcher Zärtlichkeiten nun mittels Elektroenzephalografie beobachtet. Zuerst maßen sie bei 125 Neugeborenen und Frühchen, wie ihr Gehirn auf einen Luftstoß reagierte. Je früher ein Baby geboren wurde, desto wahrscheinlicher hatte es eine deutlich verminderte Hirnaktivität in Reaktion auf einen solchen Luftstoß. Berührungen, die die Jüngsten allerdings noch auf der Intensivstation erlebten, wirkten sich deutlich auf die Hirnantwort der Frühchen aus. Je mehr sanfte Berührungen ein Frühgeborenes in den ersten Lebenswochen erfährt, desto mehr gleicht sich demnach die Reaktion des Gehirns der von ausgereift geborenen Babys an, schreiben die Forscher.

"Eltern sollten wissen, dass jede Minute zählt, die sie ihr Frühgeborenes halten, und seinem Gehirn und Körper beim Wachsen hilft", betont Nathalie Maitre vom Nationwide Children’s Hospital in Columbus. Und wenn Eltern dies aus welchen Gründen auch immer nicht könnten, sollten sich Spitäler überlegen, Therapeuten für ein sorgfältig geplantes Berührungsprogramm zu engagieren, fordert die Wissenschafterin.

Schmerzen steuern dagegen
Umgekehrt wirken sich schmerzhafte Berührungen negativ auf die Hirnentwicklung aus, stellten die Forscher fest. Die Hirnantwort der Frühchen fiel zudem umso deutlicher anders aus als bei voll entwickelten Säuglingen, je mehr schmerzhafte Prozeduren sie auf der Intensivstation durchmachen mussten. Und das selbst dann, wenn sie Schmerzmittel und zuckerhältige Lösungen erhielten, heißt es in der Studie.

"Es ist wichtig, schmerzhafte Prozeduren auf ein absolut notwendiges Minimum zu reduzieren", betont daher Studienautor Mark Wallace von der Vanderbilt University in Nashville. Das Verabreichen von Analgetika oder Zuckerlösung könnten die äußeren Anzeichen von Schmerz zwar verstecken, sie können den negativen Folgen für die Hirnentwicklung aber nicht entgegenwirken.

Das Forscherteam will in weiterer Folge neue Methoden entwerfen, um positive Berührungserlebnisse für Frühgeborene auf den Intensivstationen sicherzustellen. Außerdem wollen sie untersuchen, wie sich die Kombination verschiedener äußerer Reize auf die Entwicklung von Frühchen auswirkt, zum Beispiel bei Berührung und gleichzeitigem Hören einer Stimme - etwa die tröstenden Worte von Mutter oder Vater. Den Forschern zufolge sollten sich Eltern eines zu Herzen nehmen: "Deine Berührung ist wichtiger, als du denkst."




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Dokument erstellt am 2017-03-16 16:39:05



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