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Mensch

Update: 29.03.2017, 12:07 Uhr

Wirtschaftsgeschichte

Gleichheit frisst ihre Kinder




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Von Eva Stanzl

  • Nur Kriege schaffen eine ausgeglichene Vermögensverteilung, sagt Historiker Scheidel. Aber nur für eine Generation.




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Walter Scheidel hat ein Buch geschrieben, das an Pessimismus kaum zu übertreffen ist. Bildung, Umverteilung und Sozialpolitik reichen demnach nicht aus, um eine größere Einkommensgleichheit der Bevölkerung zu erzielen, schreibt er in seinem in den USA erschienenen Bestseller "The Great Leveler" ("Der große Nivellierer"). Über Jahrtausende hinweg waren es vor allem Kriege oder Seuchen, die auf katastrophale Weise zu mehr Gleichheit geführt haben, erklärt der in Wien geborene Historiker, der Professor für Geschichte an der renommierten Universität Stanford in Kalifornien ist.

"Wiener Zeitung": Ungleichheit ist durch den Geiz der Mächtigen verursacht, Geld ist eine Droge. Man will immer mehr, betrügt dafür den Staat um Steuern, lobbyiert und vernichtet die Umwelt - und damit sogar die Zukunft der eigenen Kinder. Unterliegt ökonomische Ungleichheit diesem Nenner?

Information

Walter Scheidel

geboren 1966 in Wien, studierte Geschichte und Numismatik an der Uni Wien. Der Professor für Geschichte an der US-Universität Stanford ist derzeit auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und des IST Austria in Wien. Heute um 17 Uhr referiert er am IST Austria in Klosterneuburg über sein Buch "The Great Leveler: Violence and Inequality from the Stone Age till the 21st Century". ÖAW/Hinterramskogler

Walter Scheidel: Gier trägt zur Ungleichheit bei, sie ist allerdings systemimmanent. Es kommt nicht so sehr auf den Einzelnen an, sondern die Struktur des Systems begünstigt Ungleichheit. Das ist ein Nebenprodukt des Kapitalismus, jedoch nicht einzig und allein auf ihn zurückzuführen. Das Phänomen der Anhäufung durch Einzelne und der Weitergabe an die nächste Generation gab es schon in vorindustriellen Zeiten. Der Gedanke dahinter könnte sein: Vielleicht schädige ich künftige Generationen, Hauptsache, meine Kinder bekommen meine Ressourcen.



Ist Ungleichheit nur systembedingt?

Ungleichheit ist auf jeden Fall seit 10.000 Jahren systemimmanent. Damit das nicht der Fall wäre, müsste eine ganze Generation Jäger und Sammler spielen und sich in eine Zeit zurückversetzen, in der es nichts gab, das man anhäufen und weitergeben konnte. Da das nicht reproduzierbar ist, müsste ein System erlauben, in größerer ökonomischer Gleichheit nach dem jetzigen Standard zu leben. Die Kommunisten waren nicht besonders erfolgreich darin.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Diese Ziele der Französischen Revolution sind zum gesellschaftlichen Wert geworden. Zählen sie für Sie gar nichts?

Nach den Maßstäben der Zeit hat die Französische Revolution einen großen Unterschied gemacht. Es gab Enteignungen, Landreformen und durch die Napoleonischen Kriege eine größere Nachfrage an Arbeitskräften, die die Löhne in die Höhe trieb. Auch im Bewusstsein der Leute hat sie viel bewirkt und eine intellektuelle Infrastruktur für die Folgegenerationen geschaffen. Das Problem ist nur, dass sie eigentlich gescheitert ist, denn die Monarchie wurde restauriert und 100 Jahre später war die Gesellschaft in Frankreich noch ungleicher als vor der Revolution. Im rein materiellen Sinn hat sich nichts umgekehrt, denn es gab Kräfte, die stärker waren als das Bewusstsein, dass eine Veränderung möglich ist.

Wie gehen wir mit diesem Bewusstsein heute um?

Das hängt davon ab, welche Länder Sie betrachten. In Europa ist uns das Ziel einer ausgeglicheneren Verteilung sehr bewusst und verankert seit der Nachkriegszeit. Heute gibt es hierzulande die Erwartung, dass extreme Ungleichheit nicht in Ordnung ist und dass es eine Kernaufgabe der Politik ist, sicherzustellen, dass es keine extrem ungleiche Verteilung gibt. In Nordamerika hat sich die Disparität allerdings seit den 1950er Jahren verdoppelt. Zustände der relativen Ausgeglichenheit drehen sich also wieder um. Auch in Europa funktioniert es heute weniger gut als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Warum tun wir uns so schwer?

Gleichheit herzustellen ist kostspielig. Europäische Staaten müssen im Durchschnitt die Hälfte des Bruttosozialprodukts an Steuern einnehmen, um sie so ausgeben zu können, dass die Netto-Einkommen sich spürbar annähern. Es gibt europäische Staaten, wo die Brutto-Einkommensunterschiede ähnlich groß sind wie in den USA, aber hierzulande verlangt der Staat mehr von den Reichen, damit er den Ärmeren über die Sozialleistungen mehr Mittel zuweisen kann. Wenn sich aber der Druck ändert, etwa durch den globalen Markt oder die Alterung der Bevölkerung, werden die Anforderungen noch höher. Irgendwann kann der Staat nicht mehr gegensteuern.

Sie vertreten die Ansicht, dass nur Kriege oder Seuchen Gleichheit herstellen können. Wie das?

Historisch gesehen war es bisher immer so. Kriege hatten die Auswirkung, eine größere ökonomische Ausgeglichenheit zwischen den Menschen herzustellen. Freilich würde niemand einen Weltkrieg wiederholen wollen, aber es gibt keine Strategie, die ähnlich effektiv gegen Ungleichheit antritt.

Im Tod sind alle gleich. Ist das nicht eine Binsenweisheit?

Nicht, wenn man die Kriegswirtschaft als ökonomisch-systemischen Nivellierer betrachtet. Allein im Zweiten Weltkrieg trafen viele Faktoren zusammen: Kapital verlor stark an Wert und sowohl durch die Unterbrechung des Welthandels als auch durch staatliche Interventionen profitierten Anleger weniger von ihren Investments. Mancherorts existierten Steuersätze von 90 Prozent auf Höchsteinkommen. Preise, Löhne, Dividenden und Mieten waren reguliert, um sicherzustellen, dass kein Geld vom Kriegsprojekt abgesaugt werden konnte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-28 17:36:07
Letzte ─nderung am 2017-03-29 12:07:48



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