• vom 10.04.2017, 16:09 Uhr

Mensch

Update: 10.04.2017, 18:44 Uhr

Gesundheit

Wenn das Blut zu uns spricht




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Grass

  • Das Blut, ein Livestream des Körpers. Die Medizin steht vor völlig neuen Möglichkeiten.

Die roten Blutkörperchen transportieren den Sauerstoff durch den menschlichen Körper. - © Fotolia/Spectral-Design

Die roten Blutkörperchen transportieren den Sauerstoff durch den menschlichen Körper. © Fotolia/Spectral-Design

Was wäre, wenn wir das werdende Leben - Zeugung, Schwangerschaft, Geburt - unter Kontrolle hätten? Was wäre, wenn wir unser Genom beeinflussen könnten, um gesünder altern zu können? Was wäre, wenn wir Krankheiten vorhersagen könnten? Diese Fragen stellt der deutsche Wissenschaftsjournalist Ulrich Bahnsen in "Das Leben lesen - Was das Blut über unsere Zukunft verrät" (Verlag Droemer-Knaur). Darin verdeutlicht er eine Sprache, in deren Übersetzung wir uns mittendrin befinden. Es dreht sich um die geheime Sprache des Blutes, die uns in Zukunft behilflich sein könnte, das menschliche Leben zu jedem Zeitpunkt zu kontrollieren. Ob Fluch oder Segen, darüber wird diskutiert. Aber fest steht: Die Entwicklung auf dem Gebiet scheint kaum noch aufhaltbar zu sein. Und die Forschung ist viel weiter, als wir zu denken vermögen.

"Blut ist ein ganz besonderer Saft" - mit diesen Worten ließ schon Johann Wolfgang von Goethe seinen Mephistopheles sprechen, als er Faust in dessen Studierzimmer auffordert, den Pakt mit einem Tröpfchen Blut zu unterzeichnen. Er hatte damit so richtig ins Schwarze getroffen, denn das Blut in unserem Körper hat allerhand auf dem Kasten. Es ernährt und beschützt uns, es heilt unsere Wunden und dient Tag und Nacht als Nachrichtendienst zwischen den vielen Organen.

Information

Sachbuch
Das Leben lesen. Was das Blut über unsere Zukunft verrät.
Ulrich Bahnsen
Verlag Droemer-Knaur
272 Seien, 19,99 Euro

Tote Zellen Goldes wert

Die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, transportieren den Sauerstoff, die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, machen Krankheitserreger unschädlich. Während die B-Zellen vielfältige Fremdstrukturen identifizieren, starten, lenken und beenden die T-Zellen Attacken des Immunsystems. Die natürlichen Killerzellen wiederum nutzen den Nahkampf. Und ist die Abwehrschlacht geglückt, räumen die Makrophagen auf und spucken die toten Zellen wieder aus. Sie schwimmen dann als sogenannte zellfreie DNA im Blut. Dabei kann es sich etwa um das Erbgut abgestorbener Körperzellen, erfolgreich eliminierter Erreger oder auch getöteter Tumorzellen handeln. Unser Blut stellt damit einen Livestream aller Vorgänge in unserem Organismus dar. Der Medizin eröffnet dies lange ungeahnte Möglichkeiten.

Genetische Abweichungen des werdenden Lebens können bereits in der neunten Woche der Schwangerschaft aus nur einer einzigen Blutprobe abgelesen werden. Im Visier stehen dabei vor allem bestimmte Chromosomen. Kommt es im Zuge der Vereinigung von Ei- und Samenzelle zu einer Chromosomenverdreifachung - zu einer Trisomie -, führt das beim Heranwachsenden zu körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Schweregraden.

Eine solche mögliche Beeinträchtigung, deren Wahrscheinlichkeit sich mit zunehmendem Alter der Eltern erhöht, ließ sich bislang nur durch eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder Plazentapunktion (Chorionzottenbiopsie) ermitteln. Heute wird bereits ein Bluttest verwendet, der bei Risikoschwangeren als Screening-Verfahren eingesetzt werden kann. Innerhalb nur weniger Jahre wurde die vom chinesischen Pathologen Dennis Lo entwickelte Technologie von einem reinen Experiment zur Standarduntersuchung in mehr als 90 Staaten.

"Ein erstaunlicher Fortschritt, der aber auch eine ganze Reihe ethischer Probleme, moralischer Fragen und eine Menge Streit darüber hervorgebracht hat", schreibt der Autor. Für die betroffenen Schwangeren selbst, die sich auch bisher schon vorgeburtlichen Untersuchungen unterzogen haben, bedeutet diese Entwicklung eine willkommene Alternative zu den herkömmlichen Methoden. Denn das Risiko, nach herkömmlichen Methoden eine Fehlgeburt zu erleiden, ist nicht unerheblich. Braucht dafür nur ein Tropfen Blut abgenommen werden - in der Fachsprache Liquid Biopsy -, ist dieses Risiko ausgeschaltet. Welche Schritte die werdenden Eltern aufgrund dieser Information tätigen, ist und bleibt Privatsache.

Ethisch und moralisch diskussionswürdig ist ein bevorstehender weiterer Schritt. Denn theoretisch ließen sich über den Lebenssaft auch viele andere genetische Defekte des Ungeborenen herausfiltern. Auch viele Krankheiten, die wir heute nur schlecht, aufwendig oder überhaupt nicht rechtzeitig entdecken können, hinterlassen eine warnende Nachricht im Blut. Und seitdem im Jahr 2010 die fast vollständige Entschlüsselung des Genoms eines menschlichen Fötus gelungen war, können wir diese Nachrichten auch lesen - sofern wir dies zulassen. Denn derzeit schaut die Medizin in der DNA des Kindes nur auf gezielte Veränderungen und nicht auf das gesamte Erbgut. Für die Zukunft wird es wohl gelten, weitere Regeln aufzustellen.

Liquid Biopsy bei Krebs

Die Möglichkeiten der Liquid Biopsy stellen noch viele andere Bereiche des Lebens auf den Kopf - etwa auch die Krebsbehandlung. Denn die im Blut zirkulierende zellfreie Tumor-DNA lässt sich isolieren und charakterisieren, beschreibt Gerald Prager von der Klinischen Abteilung für Onkologie der MedUni Wien gegenüber der "Wiener Zeitung".

Das Krebserbgut gelangt dann ins Blut, wenn Zellen absterben. Umso mehr der Tumor wächst, desto mehr seiner DNA findet sich. Bei erfolgreicher Therapie sinkt der Anteil, wodurch sich die Erkrankung im Blut quantitativ verfolgen lässt. "Diese Daten korrelieren besser mit dem Tumorverlauf als die herkömmlichen Marker auf Proteinebene, weil sie genauer sind", so der Onkologe. Die Charakterisierung des Erbguts über das Blut wird künftig eine wichtige Rolle bei der Therapieentscheidung spielen.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-10 16:15:08
Letzte ńnderung am 2017-04-10 18:44:18



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Forscher beobachten "Kilonova"
  2. Chemie-Nobelpreis für Kryo-Elektronenmikroskopie
  3. Umweltwächter im All
  4. Frauen großzügiger als Männer
  5. Im Sand verlaufen
Meistkommentiert
  1. Im Sand verlaufen
  2. Das Ende der Taubheit
  3. Hatschi!
  4. Frauen großzügiger als Männer
  5. Schmarotzer mit Feuerkraft

Werbung




Werbung


Werbung