• vom 18.04.2017, 17:06 Uhr

Mensch


Neurowissenschaft

Urteilsfindung mit Köpfchen




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  • Anatomische Strukturen im Gehirn geben vor, ob wir anderen vergeben können.

Ob mehr oder weniger Verständnis aufbringen, liegt im Gehirn verborgen.

Ob mehr oder weniger Verständnis aufbringen, liegt im Gehirn verborgen.© Fotolia/vege Ob mehr oder weniger Verständnis aufbringen, liegt im Gehirn verborgen.© Fotolia/vege

Wien. (gral) Tag für Tag fällen wir vielfältigste moralische Urteile. Ob wir zum Beispiel die virtuelle Tat eines Leinwand-Schurken bewerten oder die reale eines Unfalllenkers. In den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens legen wir völlig unterschiedliche Maßstäbe an. Denn auch Faktoren wie der Schweregrad oder etwa die Absichten der Verursacher spielen bei der Entscheidung eine wesentliche Rolle. Aus neuropsychologischer Sicht ist die Bildung moralischer Urteile extrem komplex und die Beispiele, ein bestimmtes Fehlverhalten bewerten zu müssen, scheinen endlos. Welche Rolle unser Gehirn in der Beurteilung solcher Vorgänge spielt, hat ein internationales Forscherteam jetzt untersucht.

Die Wissenschafter widmeten sich in ihrem Projekt einer ganz bestimmten Hirnregion - dem Sulcus Temporalis Superior (aSTS). Dabei handelt es sich um die oberste der drei Furchen des Temporallappens. In der Nähe des Sulcus sind Nervenzellfelder angeordnet, die soziale Wahrnehmungsfunktionen steuern. Es ist bekannt, dass dieser Gehirnregion bei der Fähigkeit, mentale Zustände wie Gedanken, Überzeugungen oder Wünsche von anderen Personen zu repräsentieren, eine wichtige Funktion zukommt.


Mehr graue Substanz
Ist diese Region höher entwickelt und damit auch die Menge der grauen Gehirnsubstanz dort größer, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir anderen Menschen vergeben, die unabsichtlich einen schwerwiegenden Fehler begangen haben, berichten die Forscher nun im Fachblatt "Scientific Reports". So etwa einer Sportlerin, die eine Rivalin unabsichtlich schwer verletzt hat, oder einem abgelenkten Fahrer, der einen Unfall verursacht hat.

"Verhaltensstudien haben bereits gezeigt, dass Menschen, wenn sich Intention und Ergebnis widersprechen, bei ihrer Urteilsbildung tendenziell eher auf die Absichten anderer Personen achten. Das ist mehr oder weniger eine allgemeingültige und kulturübergreifende Eigenschaft reifer moralischer Entscheidungen", erklärt Studien-Erstautor Indrajeet Patil von der Harvard University.

Bis jetzt hätten sich diesem Thema allerdings nur sehr wenige Studien aus einem anatomischen Blickwinkel genähert und untersucht, ob Unterschiede in Volumen und Struktur gewisser Gehirnareale Variationen innerhalb moralischer Urteile erklären könnten.

Mit Hilfe von 50 Freiwilligen, denen unterschiedliche Situationen dargestellt worden waren, fanden die Forscher heraus, dass diese spezifische Gehirnregion die menschlichen Urteile zu beeinflussen scheint. Den Probanden wurden 36 Geschichten mit vier potenziellen Situationen dargestellt. Solche, in denen vorsätzliche Handlungen negative oder neutrale Resultate haben konnten, und jene, in welchen unabsichtliche Ereignisse möglicherweise zu negativen oder zu neutralen Konsequenzen führten. In jeder Geschichte sollten die Teilnehmer ein Urteil bilden und zwei Fragen beantworten: "Wie stark verantwortlich sollte die Person aus dieser Geschichte gesehen werden?", und: "Wie moralisch akzeptabel ist das Verhalten dieser Person?" Die Gehirndaten wurden mittels Magnetresonanztomographie erhoben.

Aus den Ergebnissen "schließen wir, dass Menschen mit mehr grauer Hirnsubstanz im aSTS besser dazu in der Lage sind, die mentalen Zustände der Schadensverursacher darzustellen und somit auch besser die Absichtslosigkeit eines Schadens zu begreifen", erklärt Silani.

Beim Abgeben eines Urteils können sie sich auf einen Intentionsaspekt einer Handlung konzentrieren und ihm Priorität gegenüber den unangenehmen Konsequenzen einräumen. In Folge neigen sie weniger dazu, jene Handlungen allzu sehr zu verurteilen. Die neuro-anatomische Entwicklung dieser Gehirnregion wird dabei durch genetische Unterschiede und Einflüsse aus der sozialen Umwelt mitbestimmt.




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Dokument erstellt am 2017-04-18 17:12:08



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