• vom 27.04.2017, 20:00 Uhr

Mensch


Genetik

Die Anfänge der Pferdezucht




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  • Schon vor 2500 Jahren wurden Pferde gezüchtet - die genetische Vielfalt ging mit der Zeit verloren.



Bern/Wien. Viel früher als bisher angenommen, betrieben Menschen Pferdezucht. In den Anfängen vor rund 2500 Jahren ging es allerdings nicht unbedingt um Rasse, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit, wie dies heutzutage vor allem im Reitsport gefragt ist. Die ersten Züchter bevorzugten nämlich Tiere, die viel Milch gaben. Auch das Fleisch hatte für die damaligen Menschen wohl noch eine wesentlich größere Bedeutung als heute. Erst nach und nach wurde auf die Eigenschaften der Tiere Wert gelegt.

So waren die Skythen eine der ersten Kulturen, die auf Pferden ritten und vom Pferderücken aus auch mit dem Bogen schossen. Das nomadische Reitervolk lebte in der Eisenzeit etwa vom neunten bis zum ersten Jahrhundert vor Christus in den zentralasiatischen Steppen. Offenbar zähmten und nutzten sie die Tiere nicht nur, sondern züchteten sie auch, um ganz bestimmte Eigenschaften zu fördern, wie ein internationales Forscherteam anhand archäologischer Knochenfunde nun belegen konnte.


Die Wissenschafter um den Genetiker Tosso Leeb von der Universität Bern analysierten das Erbgut aus Pferdeknochen, die in skythischen Königsgräbern in der Mongolei und Kasachstan entdeckt worden waren. Anhand der Überreste von insgesamt 13 Hengsten, die vor ungefähr 2300 bis 2700 Jahren lebten, konnten die Forscher feststellen, welche Eigenschaften die Skythen bei prächtigen Tieren besonders bevorzugten.

Die meisten der insgesamt 121 identifizierten DNA-Bausteine stehen etwa mit der Entwicklung der Vorderbeine stark in Verbindung. So achteten die Skythen als Reitervolk offenbar auf eine robuste Statur ihrer Tiere. Auch zeigte sich in den Erbgutanalysen eine Genvariante, die bei heutigen Rennpferden mit der Sprint-Leistung in Zusammenhang steht. Neben der Ausdauer war somit wohl auch die Schnelligkeit auf sehr kurzer Strecke für die frühen Pferdezüchter wichtig. Zudem zeigte sich, dass die skythischen Hengste auch vielfältige Fellfarben hatten, darunter etwa Schwarz, Braun, Fuchs, Palomino und Schecke.

Heute starke Linienzucht
Überdies waren die damaligen Pferde genetisch noch deutlich vielfältiger als aktuell. Heute tragen nahezu alle domestizierten Pferde dieselben, oder sehr ähnliche Y-Chromosom-Haplotypen - sie sind also fast alle miteinander verwandt. Während damals die Pferdeherden noch viele Väter hatten, wurden mit der Zeit Zuchthengste herausgebildet, wodurch diese heute vorherrschende genetische Eintönigkeit entstanden ist.

Als der Mensch vor mehr als 5000 Jahren begann, Pferde zu zähmen, gab es noch sehr viele Abstammungslinien von Hengsten. Und auch bei den Skythen gab es noch diese große Vielfalt. Sie betrieben demnach noch keine starke Linienzucht, sondern erhielten die natürlichen Herdenstrukturen.

Dieser Verlust an Vielfalt ging einher mit einer Zunahme krankmachender Genmutationen: "Durch die zunehmende Zucht in geschlossenen Populationen und der damit einhergehenden Inzucht konnten sich einige krankheitsverursachende Mutationen anreichern und traten in der geschrumpften Population somit gehäuft auf", erklärt Tosso Leeb in der im Fachmagazin "Science" erschienen Publikation.




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Dokument erstellt am 2017-04-27 16:42:08



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