• vom 05.05.2017, 19:31 Uhr

Mensch


Houska-Preise

Was die Zellen bewegt




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Von Eva Stanzl

  • Forschungspreis für revolutionäre Messmethode des Stoffwechsels in allen Zellen.

Das Innere von Körperzellen: Houska-Preis 2017 für eine Methode, die Dynamik des Metabolismus zu messen.

Das Innere von Körperzellen: Houska-Preis 2017 für eine Methode, die Dynamik des Metabolismus zu messen.© fotolia/klickl24 Das Innere von Körperzellen: Houska-Preis 2017 für eine Methode, die Dynamik des Metabolismus zu messen.© fotolia/klickl24

Wien. Manches dreht sich um die schiere Menge: Stoffwechselerkrankungen etwa sind eines der größten Probleme der modernen Medizin. Nur, wenn Forscher die Gesamtheit vieler Proben kennen, können sie die Grundlagen für neue Therapien gegen Volkskrankheiten wie etwa Diabetes schaffen. "Bei jeder Messung des Zellstoffwechsels müssen tausende Moleküle erfasst werden. Das ist das Ziel, dort sind wir aber noch nicht", sagt Gunda Köllensperger, Professorin für Umweltchemie an der Universität Wien.

Für die Schaffung einer einheitlichen Messmethode, mit deren Hilfe dieses Ziel erreicht werden kann, erhielt Köllensperger am Donnerstagabend den Wolfgang Houska-Preis der B&C Privatstiftung, den größten privat finanzierten Forschungspreis. Wenn die Methode, die in der Preiskategorie "Universitäre Forschung" gewann, in Kliniken zum Einsatz käme, könnten personalisierte Therapien tatsächlich so präzise funktionieren, wie sie es künftig auch sollen.


Die Chemikerin und ihr Team beschäftigen sich zusammen mit Kollegen der Universität für Bodenkultur (Boku) mit dem Metabolom, also dem Stoffwechsel oder der Gesamtheit aller kleinen Moleküle in den Zellen. "Damit eine Probe aussagekräftig ist, reicht es nicht, zu wissen, welche organischen Stoffe sie enthält. Sondern wir müssen auch herausfinden, wie viele Moleküle, Proteine oder Aminosäuren sich in ihre befinden", sagte Köllensperger am Rande der Preisverleihung zur "Wiener Zeitung".

Der Stoffwechsel ist ein hochdynamisches System, das unmittelbar auf Umwelteinflüsse, Gifte, Sonneneinstrahlung, oxidativen Stress oder Mangelerscheinungen reagiert. Dabei verändert sich die Quantität der Moleküle in der Zelle. Wer diese Prozesse messen will, benötigt einen Standard, der die Ergebnisse weltweit vergleichbar macht. "Die Moleküle müssen in einer Lösung mit Mengenangabe angeboten werden. Dann kann man das Signal mit der Menge vergleichen und eindeutig auf die Konzentration schließen."

Zusammen mit ihrem Team hat die in Bozen geborene Chemikerin eine kostengünstige Standardlösung auf der Basis von Hefe entwickelt. Hefe ist ein einfacher Organismus mit vielen Stoffwechselwegen, die sich auch in anderen Organismen finden. Auch der Mensch und die Hefe haben Stoffwechselwege gemeinsam - etwa finden sich in ihr ähnliche Moleküle wie in Krebszellen.

Gesamter Metabolismus
Nur wenige Forschungsfelder machen den Stellenwert des interdisziplinären Arbeitens so deutlich wie die "Omics"-Forschung: Das Fachwort steht für Disziplinen, die Gesamtheiten messen - etwa das Genom oder das Proteom. "Ideen, alles zu erfassen, erscheinen anfangs vielleicht größenwahnsinnig, aber hinterher gehen sie auf. Mittlerweile kann man alle Proteine, alle Gene messen, und künftig wohl auch das Metabolom. Ein wichtiger Punkt ist die Standardisierung", erläutert Köllensperger, die nach dem Studium der Chemie an der Technischen Universität Wien an der Boku Erfahrung im Bereich Biotechnologie sammelte und danach an die Uni Wien berufen wurde. "Ich konnte beides verbinden, ohne projektabhängig zu sein", sagt sie.

Das Preisgeld von 150.000 Euro wollen die Forschenden in eine detailliertere Charakterisierung ihres Produkts investieren, das sie über ein Start-up vertreiben: "Bis jetzt hatten wir nicht das Budget."

Der Houska-Preis wird von der B&C Privatstiftung seit 2005 vergeben und ist nach einem ehemaligen Stiftungsmitglied benannt. Mit der Auszeichnung soll ein Anreiz für Universitäten geschaffen werden, ihre Ergebnisse in Kooperation mit der heimischen Wirtschaft in die Praxis umzusetzen. Vergeben wurden heuer 300.000 Euro in zwei Kategorien sowie je 10.000 Euro für alle Kandidaten und einen Publikumspreis. Insgesamt reichten Unis und Unternehmen 55 Forschungsprojekte ein.

In der Kategorie "Forschung und Entwicklung in Klein- und Mittelbetrieben" gewann das Wiener Unternehmen SIM Characters mit einem täuschend echt wirkenden Frühgeborenensimulator. Die einem Frühchen in der 27. Schwangerschaftswoche nachempfundene Puppe dient dem Training medizinischer Teams für kritische Situationen der Kindernotfallmedizin. Eine ebenfalls interessante, aber nicht prämierte Einreichung machte die niederösterreichische Gugler GmbH mit vollständig recycelbaren Druckprodukten. Das Unternehmen hat die Inhaltsstoffe so optimiert, dass sie sogar kompostierbar sind.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-05 16:45:05
Letzte ─nderung am 2017-05-05 16:52:02



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