• vom 17.05.2017, 16:27 Uhr

Mensch


Neurotechnologie

Der letzte Ort Privatheit




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  • Schweizer Forscher fordern neue Menschenrechte für das Zeitalter der Neurotechnologie.

Die Daten unserer Gehirnaktivitäten sollen geschützt werden. - © Fotolia/vege

Die Daten unserer Gehirnaktivitäten sollen geschützt werden. © Fotolia/vege

Basel/Zürich. (sda) Mit verschiedenen Methoden lassen sich Hirnaktivitäten in Echtzeit messen und daraus Schlüsse ziehen. Dies kommt längst nicht nur in Forschung und Medizin zum Einsatz, sondern auch in Marketingstudien oder beim Militär. Angesichts der Fortschritte in diesem Feld fordern Forscher der Universitäten Basel und Zürich neue Menschenrechte gegen den Missbrauch dieser Technologie.

"Die Gefahr des Missbrauchs von Neurotechnologie, um an private Daten zu gelangen, ist durch die technologischen Fortschritte stark gewachsen", ist Marcello Ienca von der Uni Basel überzeugt. Deshalb hat er gemeinsam mit Roberto Andorno von der Uni Zürich im Fachblatt "Life Sciences, Society and Policy" vier neue Menschenrechte für das Zeitalter der Neurotechnologie formuliert. Die vorgeschlagenen Ergänzungen zu den bestehenden Menschenrechten sind das Recht auf mentale Privatsphäre, kognitive Freiheit, psychologische Kontinuität sowie eine Erweiterung des bestehenden Rechts auf geistige Unversehrtheit. Unter die mentale Privatsphäre fällt etwa, dass bei Neuromarketingstudien sichergestellt werden solle, dass sämtliche Daten gelöscht werden, die nicht dem Zweck der Studie dienen.

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Recht auf kognitive Freiheit
Das Recht auf kognitive Freiheit solle sicherstellen, dass niemand gezwungen werden darf, neuronale Daten preiszugeben. "Das ist wichtig, weil zum Beispiel Soldaten in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen und sich schlecht gegen Missbrauch wehren können", sagte Ienca. Auch seien sich ältere Menschen, die ebenfalls von den Entwicklungen der Technologie profitieren, der damit verbundenen Risiken oft nicht bewusst.

Das Recht auf psychologische Kontinuität würde den Schutz vor ungewollten Persönlichkeitsveränderungen durch Neurotechnologie sicherstellen. Schließlich schlagen Andorno und Ienca vor, das bereits bestehende Recht auf geistige Unversehrtheit zu erweitern, um die durch Neurotechnologie entstandenen neuen Möglichkeiten der physischen oder phsychischen Verletzung einzuschließen. Darunter fiele etwa das Hacken von Neuroimplantaten.

Viele Aspekte unseres Denkorgans sind nach wie vor rätselhaft, aber dank nichtinvasiver Methoden wie Elektroenzephalografie oder Magnetresonanztomographie können Forscher Aktivitätsmuster im Gehirn beobachten und Rückschlüsse ziehen, was diese Muster zu bedeuten haben. Ein intensiv beforschtes Feld sind auch Gehirn-Computer-Schnittstellen (brain computer interfaces), die in erster Linie Gelähmten helfen sollen, Roboterprothesen oder Rollstühle zu bewegen, oder sich überhaupt zu verständigen.

Aber auch Unternehmer wie Elon Musk und Firmen wie Samsung, Apple und Facebook haben Gehirn-Computer-Schnittstellen für sich entdeckt und arbeiten daran, dereinst die Interaktion mit künstlicher Intelligenz, dem Smartphone, Tablet oder Notebook per Gedanken zu ermöglichen. Beispiele für Steuerung mittels Gedanken gibt es bereits aus der Unterhaltungselektronik in Form von Headsets, um Computerspiele zu steuern.

Gehirndaten online
Dass diese Technologie alles andere als sicher vor Missbrauch ist, zeigten US-Forscher im vergangenen Jahr. Über in Apps platzierte Bilder und die Messung der Reaktion über die Hirnsignale ließen sich etwa private Informationen über sexuelle Orientierung und religiöse Einstellung gewinnen. Bereits legal eingesetzt werden solche Hirnaktivitätsmessungen auch im Neuromarketing, um die Reaktion von Probanden auf Produkte und Anreize zu messen. Außerdem interessiert sich das Militär für neurowissenschaftliche Methoden, um etwa Gedächtnisprozesse und Aufmerksamkeit von Soldaten zu messen oder posttraumatische Störungen durch Hirnstimulation zu behandeln.

Wenn diese Neuerungen mehr und mehr Einzug in die Gesellschaft halten, könnten zunehmend Daten zu unseren Gehirnaktivitäten gesammelt und online verfügbar werden, fürchtet Ienca. "Damit durchbrechen wir quasi eine letzte Grenze, denn das Gehirn war bisher der letzte Ort vollkommender Privatheit."




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Dokument erstellt am 2017-05-17 16:33:07



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