• vom 23.05.2017, 16:34 Uhr

Mensch


Evolution

Menschheit könnte aus Europa stammen




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Von Eva Stanzl

  • Neue These zur Menschheitsgeschichte: Die ersten Frühmenschen entwickelten sich in Europa und wanderten nach Afrika.

Kiefer und Zähne von Graecopithecus lassen darauf schließen, dass er der älteste bekannte Frühmensch war.

Kiefer und Zähne von Graecopithecus lassen darauf schließen, dass er der älteste bekannte Frühmensch war.© reuters/Univ. Tübingen Kiefer und Zähne von Graecopithecus lassen darauf schließen, dass er der älteste bekannte Frühmensch war.© reuters/Univ. Tübingen

Tübingen/Wien. Wenn die These stimmt, wird sie Geschichte schreiben. Bei Madelaine Böhme liefen jedenfalls am Dienstag die Drähte heiß: Zusammen mit internationalen Kollegen entwirft die Professorin am Senckenberg Centre for Human Evolution der Universität Tübingen ein neues Szenario zur frühesten Menschheitsgeschichte. Demnach steht ihre Wiege nicht in Afrika, sondern am Balkan: Die ersten bekannten Frühmenschen stammten aus Europa und wanderten in Richtung Süden.

Heute ist der Schimpanse der nächste Verwandte unserer Art. Wann der letzte gemeinsame Vorfahr lebte, ist unter Paläoanthropologen umstritten. Die meisten Experten gingen bisher davon aus, dass sich die Linien vor fünf bis sieben Millionen Jahren in Zentralafrika trennten und die erste Frühmenschenart im heutigen Afrika entstand. Dort blieben wir dann für fünf Millionen Jahre, bevor wir nach Europa, Asien und in den Rest der Welt auswanderten.


Zwei Fossilien einer Hominidenart, die vor 7,2 Millionen Jahren lebte und deren Überreste 1944 in Bulgarien und Griechenland gefunden wurden, geben nun Hinweise darauf, dass es ganz anders verlaufen sein könnte. Zu den Hominiden zählen der Mensch, seine ausgestorbenen Vorfahren und Menschenaffen. Böhme und ihre Kollegen haben Graecopithecus freybergi, von Forschern auch "El Graeco" genannt, untersucht. Aus Computertomografien eines Unterkiefers und eines Zahns schließen die Forschenden, dass es sich bei "El Graeco" um einen bisher unbekannten Vormenschen handelt, der mindestens 200.000 Jahre vor den ersten afrikanischen Hominiden evolviert sein müsse. Darauf würden seine weitgehend verschmolzenen Zahnwurzeln hindeuten, die ein charakteristisches Merkmal des Menschen und seiner Vorfahren seien, berichten die Wissenschafter im Fachjournal "Plos One". Bei Menschenaffen würden die Zahnwurzeln hingegen getrennt vorliegen. Über Analysen der Sedimente, aus denen die Fossilien geborgen worden waren, datierten die Forscher den Unterkiefer auf ein Alter von 7,175 Millionen Jahren und den Zahn auf 7,24 Millionen Jahre. Der älteste aus Afrika bekannte Vormensch, Sahelanthropus, lebte vor sechs bis sieben Millionen Jahren.

Klimatische Veränderungen
"Unsere Daten zeigen, dass die beiden Funde vom Balkan von den ältesten bekannten Vormenschen stammen", sagt Madeleine Boehme im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ihren Wohnort wählten sie wegen klimatischer Veränderungen. "Die Sahara breitete sich vor 7,4 Millionen Jahren von Nordafrika über den Arabischen Raum nach Norden aus und trieb eine große Population des gemeinsamen Vorfahren von Schimpanse und Mensch vor sich her. Der genetische Austausch zwischen jenen, die in Afrika zurückgeblieben waren, und jenen, die in die Savanne nach Norden flüchteten, wurde gekappt." Anders als bei Neandertaler und Homo sapiens, die sich paarten, erzeugte die geografische Barriere eine Linientrennung.

Wüsten entstehen und verschwinden innerhalb von Jahrhunderten - die heutige Sahara existiert erst seit 2000 Jahren. Böhme erzählt eine "North Side Story" statt der bekannten "East Side Story", wonach der Ostafrikanische Graben für die Linientrennung verantwortlich ist. "Das Problem ist, dass ein Grabenbruch Millionen Jahre dauert, das ostafrikanische Grabensystem begann vor 20 Millionen Jahren. Er kann nicht als Grund für diese schnelle Trennung hin zum Menschen in Frage kommen", betont die Paläontologin.

In den Sedimenten der Fundorte fanden die Forscher auch rote, feinkörnige Schluffe und Salze, die für Wüstenstaub charakteristisch sind. Wüstenstürme trugen Staub bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeers. In Europa hätten Klimaveränderungen zur Ausbreitung einer Savannenlandschaft geführt: Die Forscher fanden Spuren von typischen Pflanzen in den Sedimenten und Hinweise auf regelmäßige Brände.

"Außerdem könnten wir Graecopithecus durchaus auch in Anatolien oder Syrien finden", erklärt Böhme: "Ich gehe von einer großen Verbreitung aus und halte es für wahrscheinlich, dass die Nachkommen von ,El Graeco‘ nach Afrika gewandert sind, als sich die Sahara wieder zurückzog." Dort entstand vor vier bis zwei Millionen Jahren Australopithecus, zu der das Fossil "Lucy" zählt, und schließlich der Homo sapiens. "Es gab immer wieder einen Austausch zwischen den Kontinenten, es war ein Kommen und Gehen. Der Mensch ist immer migriert und das macht ihn vielleicht auch aus - seine Wanderlust."




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Dokument erstellt am 2017-05-23 16:39:05



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