• vom 31.05.2017, 16:53 Uhr

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  • Die Arbeitsanforderungen für Beschäftigte steigen - jedoch laut Experten nicht so stark, wie wir glauben.

Arbeitsdichte nimmt durch Digitalisierung zu.

Arbeitsdichte nimmt durch Digitalisierung zu.© Fotolia/Photographee.eu Arbeitsdichte nimmt durch Digitalisierung zu.© Fotolia/Photographee.eu

Wien. (gral) Türmten sich früher Aktenberge auf den Schreibtischen, so sind es heute meist elektronische Ordner mit Listen, Tabellen und anderen Dokumenten, oder übervolle E-Mail-Postfächer, die den arbeitenden Menschen vor eine Herausforderung stellen. Die Digitalisierung hat dabei nicht nur eine gewisse Unüberschaubarkeit des Arbeitspensums mit sich gebracht, sondern erfordert von den Arbeitnehmern zunehmend mehr Inhalt in kürzerer Zeit, beziehungsweise noch mehr Inhalt in ausgedehnteren Zeitspannen.

Das passiert etwa durch die zusätzliche Erreichbarkeit außerhalb der eigentlichen Dienstzeiten. Wiener Forschern zufolge sei dieser Trend in Zahlen zwar deutlich messbar, aber dennoch weniger stark, als Betroffene glauben. Oder in anderen Worten: Der Mensch fühlt sich stärker belastet, als er in Wirklichkeit ist.

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Subjektiv dramatisch
Ein Forscherteam um den Arbeitspsychologen Christian Korunka von der Universität Wien beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit der sogenannten Intensivierung der Arbeit. Als Motor dafür gelten die Informationstechnologie (IT) und die Digitalisierung, die mittlerweile nahezu alle Lebensbereiche des Menschen fest im Griff hat.

Der Anstieg sei zwar da, "er ist aber kleiner, als man glaubt", besagt die Studie, die vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützt wurde. Auch wenn viele diese Entwicklung subjektiv weitaus dramatischer empfinden und in Berichten oft von größeren Sprüngen die Rede sei, liege das gesamte Ausmaß der gestiegenen Arbeitsanforderung nur bei plus zehn Prozent. Dieser Zahl liegen Daten zugrunde, die europaweit über mehrere Jahrzehnte hinweg erhoben wurden. So wurden über mehrere Jahre hinweg regelmäßig mehr als 2000 Mitarbeiter aus den Bereichen Verwaltung, Gesundheit und IT befragt.

Demnach lasse sich "ein erster Schub an Intensivierung der Arbeit in den 1990er Jahren feststellen. Dann bleibt es auf erhöhtem Niveau relativ stabil, um dann nach dem Jahr 2000 wieder anzusteigen", betonte Korunka in einem Gespräch mit der Austria Presse Agentur.

Das Phänomen sei jedoch alles andere als gleich verteilt: Deutlich sei der Trend im Bereich der "Neuen Dienstleistungen" zu erkennen, wie etwa in der IT-Branche, in den Medien, zum Teil in der Wissenschaft oder nahezu überall dort, wo direkter Kundenkontakt gegeben ist. Als universeller Treiber fungieren nach wie vor kommunikationstechnologische Entwicklungen wie Smartphone & Co. Man dürfe aber auch nicht vergessen, "dass viele Jobs auch heute noch recht konventionell sind", betonte Korunka.

Nimmt die Arbeitsdichte allerdings zu, habe das fast durchgehend negative Folgen für die Beschäftigten. Ein Rückgang des Engagements, geringeres Wohlbefinden und Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben seien zu beobachten. Auch das Thema Burnout steht im direkten Zusammenhang damit.

Arbeit besser verteilen
Aber auch hier läge die Zahl viel geringer als oftmals publiziert, stellte Korunka fest. In manchen Quellen sei von bis zu 25 Prozent die Rede, "die wahren Prozentwerte für die Prävalenz des Phänomens liegen allerdings bei zwei bis drei Prozent" - aber auch das sei schon schlimm genug. Durch die Verlagerung vieler Arbeitstätigkeiten von der Produktion in Richtung Dienstleistung sei die Arbeitswelt in unseren Breiten wiederum aber insgesamt gesünder geworden, stellte der Experte zudem fest.

Angesichts dieser Verschiebungen und der insgesamt zunehmenden Anforderungen steige allerdings auch die Zahl jener Menschen, die auf der Strecke bleiben. Die höhere Arbeitslosigkeit habe zwar wirtschaftliche Ausgangspunkte, es gebe aber auch immer mehr Leute, die mit der Entwicklung der Anforderungen nicht mehr mitkommen. Zu dieser Gruppe würden vor allem weniger qualifizierte Personen zählen.

Die Umbrüche könnten dafür genützt werden, Arbeit künftig besser zu verteilen - und eben nicht den Arbeitenden immer mehr aufzuerlegen, während auf der anderen Seite mehr und mehr Menschen aus dem System ausscheiden, betonte Korunka.




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Dokument erstellt am 2017-05-31 16:56:10



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