• vom 04.07.2017, 16:21 Uhr

Mensch


Gesundheit

Raus aus dem Schattendasein




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Grass

  • Das diesjährige Medicinicum Lech strebt eine Ökumene zwischen Traditionell Europäischer und konventioneller Medizin an.

Pfarrer Sebastian Kneipp verstärkte den Einsatz der Wassertherapien. Sein Denkmal steht im Wiener Stadtpark.

Pfarrer Sebastian Kneipp verstärkte den Einsatz der Wassertherapien. Sein Denkmal steht im Wiener Stadtpark.© wikimedia Pfarrer Sebastian Kneipp verstärkte den Einsatz der Wassertherapien. Sein Denkmal steht im Wiener Stadtpark.© wikimedia

Im Spielplatzbereich des Stadtparks, über dem Wienfluss im dritten Bezirk, unmittelbar neben einer Bedürfnisanstalt, thront nahezu versteckt Pfarrer Sebastian Kneipp auf einem im Jahr 1912 ihm zu Ehren errichteten Brunnen. Es ist wohl das größte Denkmal in dieser städtischen Grünzone, doch lange nicht mehr so strahlend wie jenes des Walzerkönigs Johann Strauß.

Ähnlich wie dem Wasserdoktor und Kräuterpfarrer, wie Sebastian Kneipp auch heute noch liebevoll genannt wird, erging es im Laufe der Jahre auch Vincenz Prießnitz, der noch vor dem Pfarrer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Naturheiler aus Österreichisch-Schlesien die Wirkung von Wasser erkannte und in eigens errichteten Badehäusern das kühle Nass für Therapien einsetzte. Innere Krankheiten führte er auf "schlechte Säfte" zurück, die aus dem Körper herausgebracht werden müssten. Kaltes Wasser galt als dafür geeignetes Medium. Sein Denkmal steht mittlerweile ähnlich gut versteckt wie das des Kräuterpfarrers und nahezu verwachsen im Wiener Türkenschanzpark. Vor 100 Jahren waren auch sie noch strahlend.


Denn Kneipp und Prießnitz zählen neben Hippokrates, Hildegard von Bingen und Paracelsus zu den Schwergewichten der Traditionell Europäischen Medizin. Lange Zeit geehrt, geriet sie über die Jahre - ähnlich wie die Denkmäler - nahezu in Vergessenheit. Heute scheint sie dagegen wieder groß im Kommen zu sein.

Vor 100 Jahren
eine Volksbewegung

Aber zuerst einen großen Schritt zurück: "Vor dem Ersten Weltkrieg war diese medizinische Schule ein irrer Hype", erzählt Markus Metka, Gynäkologe an der Universitätsklinik Wien und wissenschaftlicher Leiter des Medicinicum Lech, das dieses Jahr von 6. bis 9. Juli im bekannten Vorarlberger Tagungsort unter dem Motto "Viele Wege führen zu Gesundheit - Rezepte aus Ost & West" stattfindet, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Es handelte sich bei der damals in Europa populären Naturheilkunde um wahre Volksbewegungen, denen in großen Denkmälern wie den erwähnten Ausdruck verliehen wurde. Den Großen der heutigen Schulmedizin sind im Vergleich dazu lediglich Porträtköpfe im recht unscheinbaren Billrothhaus im 9. Wiener Gemeindebezirk gewidmet.

Der Stellenwert der beiden sehr unterschiedlichen medizinischen Schulen hatte sich im Laufe der Jahre allerdings deutlich verändert. Unter anderen waren es der deutsche Pathologe Rudolf Virchow und der Wiener Pathologe Carl von Rokitansky, die den Weg hin zur Zell- und Gewebemedizin - also zur sogenannten konventionellen Medizin - ebneten. Die Erfindung des Antibiotikums unter anderem durch den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming hatte ihr Übriges dazu beigetragen.

Heute wird die Medizin zunehmend molekularer - das Spezialistentum hat im vergangenen Jahrhundert massiv zugenommen und die Beobachtungen reichen bis tief in die Zellen, sogar in die kleinsten Erbgutbausteine hinein. "Diese Spezialisierung und dieses Gehen in das Detail ist für den medizinischen Fortschritt sehr wichtig", betont Metka. "Das können wir nicht hoch genug schätzen." Er fordert allerdings eine Ökumene zwischen einer ganzheitlichen Betrachtung und der Kleinteiligkeit der herkömmlichen Schulmedizin.

Die ganzheitliche Betrachtung des Menschen ist vor allem in Indien und China ein Schwerpunkt der dortigen Medizinsysteme. Ihnen zugrunde liegt der Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist. Die Traditionell Chinesische Medizin ist auch hierzulande wohl die angesehenste unter diesen Schulen. Akupunktur, Tuinamassagen und Kräuterdekokte sind nahezu jedem bekannt und hat wohl fast schon jeder in seinem Leben erfahren. Genadelt während der Schwangerschaft, genadelt wegen Rückenschmerzen oder anderer Leiden - die Einsatzgebiete sind umfangreich.

Die Wurzeln liegen bei
den alten Griechen

Ayurveda führt in Europa dagegen etwas ein Schattendasein und konnte sich nach wie vor noch nicht so ganz durchsetzen, wiewohl die indische Lehre, die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus entstanden ist, noch älter ist als jene der Chinesen. Im westlichen Kulturkreis wird Ayurveda mit seinen bekannten Ölmassagen und Stirngüssen vorwiegend im Wellnessbereich eingesetzt. Eigentlich zu Unrecht, denn auch die Phytotherapie, die bei uns in Europa erst nach und nach bekannt wird, hat in Indien einen großen Stellenwert.

Ein fast noch größeres Schattendasein führt aber die Traditionell Europäische Medizin (TEM). Während der Begriff noch ein recht neuer ist, liegen die Wurzeln dieser ganzheitlichen Heilslehre tief in der europäischen Geschichte verankert, erklärt Metka. Schon die alten Griechen kannten diese Humorallehre. Nicht zuletzt Aristoteles, der zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen, aber auch Naturforschern zählt. Der TEM zugrunde lag wie in der östlichen Medizin zuvorderst eine Typenlehre.

Bis vor 100 Jahren galten die vier Humores, die elementaren Körpersäfte, schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Luft als Basis für die Betrachtung des damaligen Arztes. Die Phytotherapie ist eine der großen Säulen, auf der diese Medizin beruht. Tausendgüldenkraut (Centaurium) wird etwa gerne bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt, der rote Sonnenhut (Echinacea) als Immunstimulierer und Entzündungshemmer oder die Mariendistel (Silybum marianum) zur Entgiftung der Leber.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-04 16:27:06



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Pentagon forschte heimlich nach UFO's
  2. Der Igel ist das "Tier des Jahres"
  3. Maschinen entdecken Planeten
  4. Ältester Nachweis für Leben
  5. Von der historischen Bibliothek zur Bibliothek der Zukunft
Meistkommentiert
  1. Massereiches Frühchen im All
  2. "Wir sind dabei, die Schlacht zu verlieren"
  3. Ist da jemand?
  4. Pentagon forschte heimlich nach UFO's

Werbung




Werbung


Werbung