• vom 11.08.2017, 16:10 Uhr

Mensch

Update: 11.08.2017, 16:21 Uhr

Gesundheit

Die Welt der Stimmenhörer




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  • Forscher haben untersucht, wie Halluzinationen mit Erwartungen zusammenhängen.

Manche hören Geräusche, auch wenn sie nicht da sind. - © Fotolia/psdesign1

Manche hören Geräusche, auch wenn sie nicht da sind. © Fotolia/psdesign1

Wien/NewHaven. (gral) Wer Stimmen oder Geräusche hört, die gar nicht da sind, muss nicht unbedingt psychisch krank sein. Immer wieder kommt es vor, dass Menschen mit Halluzinationen konfrontiert sind. Wie sie entstehen, weiß man nicht genau. Ein Forscherteam hat nun allerdings einen neuen Puzzlestein zur Erklärung dieses Phänomens vorgelegt. Wer halluziniert, ist hellhöriger, neigt aber auch dazu, Zusammenhänge überzubewerten, schlussfolgern die Forscher im Fachmagazin "Science".

Pawlowsches Experiment
Akustische Illusionen hängen der Studie zufolge aber auch stark von Erfahrungen und Wissen ab. "Halluzinationen könnten aufgrund eines Ungleichgewichts zwischen unseren Erwartungen auf die Umwelt und jenen Informationen, die wir über unsere Sinne erhalten, eintreten", erklärt der Psychiater Al Powers von der Yale University in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut. "Du empfindest, was du erwartest, und nicht was dir deine Sinne sagen", so der Forscher.

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In einem Experiment machten sich die Wissenschafter die Tatsache zunutze, dass sich Halluzinationen auch künstlich hervorrufen lassen. Völlig gesunde Testpersonen können trainieren, einen visuellen Reiz mit einem Ton in Verbindung zu bringen. Anschließend glauben sie, den Ton auch dann zu hören, wenn sie nur den visuellen Stimulus sehen. Ähnlich wie bei Pawlows berühmtem Experiment, bei dem einem Hund schon das Wasser im Mund zusammenlief, wenn er eine Glocke hörte, weil er diese mit Futter zu assoziieren gelernt hatte.

Die Forscher verglichen in Folge vier Gruppen von Probanden: gesunde und psychisch erkrankte "Stimmenhörer" sowie gesunde und psychisch kranke "Nicht-Stimmenhörer". Wie sie in ihrer Publikation berichten, lassen sich Stimmenhörer grundsätzlich stärker von vorgefassten Erwartungen beeinflussen - und zwar unabhängig davon, ob sie an einer Psychose leiden oder nicht.

Die Versuchsteilnehmer trainierten zunächst, ein Schachbrettmuster mit einem Ton wechselnder Lautstärke zu assoziieren. Anschließend spielten die Forschenden den Ton in Zusammenhang mit dem Schachbrettmuster teils über, teils unter der gerade noch für die Testpersonen hörbaren Lautstärke ab, teilweise auch gar nicht. Sie sollten angeben, ob sie den Ton hörten und wie sicher sie sich dabei waren.

Geprägt von Erfahrung
Zwar glaubten alle der insgesamt 59 Probanden mitunter, den Ton zu hören, auch wenn das nicht möglich oder er gar nicht da war. Dabei wurden auch entsprechende Hirnregionen aktiviert. Jedoch lagen die Stimmenhörer sowohl bei der Häufigkeit des Ton-Halluzinierens als auch bei ihrem Überzeugungsgrad deutlich vor den anderen beiden Gruppen. Und das umso mehr, je stärker ihr Stimmenhören außerhalb des Labors ausgeprägt war.

"Wir glauben, dass man Wahrnehmung im Allgemeinen als kontrollierte Halluzination sehen kann", erklärt Powers. Denn auch die alltägliche Wahrnehmung hänge nicht nur von Sinneseindrücken ab. Sie ist geprägt von unseren Annahmen und der Erfahrung mit unserer Umgebung.

Ob man Halluzinationen genauso leicht abtrainieren wie antrainieren kann, muss erst weiter erforscht werden. Das Ergebnis der Studie könnte aber künftig bei Psychosen von Bedeutung sein, nämlich dann, wenn es gelingt, dadurch bessere Diagnosemöglichkeiten zu entwickeln. Die Ergebnisse untermauern aber auch, wie stark sogenannte "Top-Down-Prozesse" im Gehirn - wie etwa die Überzeugung von erlernten Zusammenhängen - unsere Wahrnehmung beeinflussen, schreiben die Forscher.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 16:15:10
Letzte nderung am 2017-08-11 16:21:04



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