• vom 16.08.2017, 16:21 Uhr

Mensch

Update: 16.08.2017, 22:55 Uhr

Weltraumforschung

Der Mars ist möglich




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Von Sabine Ertl

  • Scott Kelly über die Raumstation ISS, Zwillingsstudien und den US-Rückzug aus der Klimapolitik.



340 Tage am Stück verbrachte Scott Kelly im All. Ein Erlebnis, das in jeder Hinsicht tiefe Spuren hinterlassen hat.

340 Tage am Stück verbrachte Scott Kelly im All. Ein Erlebnis, das in jeder Hinsicht tiefe Spuren hinterlassen hat.© Nasa 340 Tage am Stück verbrachte Scott Kelly im All. Ein Erlebnis, das in jeder Hinsicht tiefe Spuren hinterlassen hat.© Nasa

Seit November 2000 ist die Internationale Raumstation (ISS) dauerhaft bemannt. Sie kreist in rund 400 Kilometern Höhe über der Erde. Kein US-Amerikaner war am Stück länger dort als Scott Kelly: ganze 340 Tage. In seiner gesamten Karriere war er 520 Tage im All, jetzt ist er pensioniert. Die Forschungsergebnisse seines Ganzjahresaufenthalts im Kosmos sind noch nicht ganz ausgewertet, doch hofft man auf richtungsweisende Erkenntnisse über eine künftige Marsmission: Träumte der Mensch einst von einer Reise zum Mond, tut er dies jetzt vom Mars. Auch Scott Kelly. Die "Wiener Zeitung" hat mit ihm gesprochen.

"Wiener Zeitung": Für viele Menschen sind Sie ein Held, sehen Sie sich auch so?

Scott Kelly: Ich bin ein unterdurchschnittlicher Mensch, der diesen überdurchschnittlichen Job macht.

Was ist das Beste am Beruf eines Astronauten?

Das Abheben? Die Landung? Bei null Schwerelosigkeit zu schweben? Oder auf die Erde runterzuschauen? All das ist faszinierend. Das Beste an meinem Job ist aber, dass er wirklich hart ist. Eine permanente Herausforderung. Es sind die wirklich anstrengenden Dinge, die es für mich ausmachen und mich antreiben, nicht die einfachen. Man muss natürlich ständig Risiken eingehen und versuchen, Fehler auszuschließen. Das impliziert, sich auf Dinge zu fokussieren, die man kontrollieren kann, und solche, die man nicht in der Hand hat. Wichtig ist zu begreifen, dass das nur mit und in einem guten Team funktionieren kann.

Ihr "Jahr im Weltraum" war Teil einer lang ausgelegten Mission.

Aufgabe war, wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, welche Auswirkungen die Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper hat. Damit wir besser verstehen, wie sich der Mensch bei langen Weltallreisen adaptieren kann.

In Ihrem Fall gab es eine Zwillingsstudie: Ihr Bruder Mark, der auch Astronaut ist, und Sie haben sowohl auf der Erde als auch im Weltall 400 medizinische Tests durchgeführt. Gibt es Resultate?

Forschung ist ein langer Prozess. Wie Telomere auch. Ein Teil deiner Chromosomen verändert sich, indiziert dein Alter und zeigt, wie alt deine Physionomie ist. Es gibt den Verdacht, dass ich wegen dem häufigeren Zustand in der Schwerelosigkeit jünger geworden bin als mein Zwillingsbruder. Auch bin ich vorübergehend gewachsen, um 3,8 Zentimeter. Meine DNA weist ein anderes Bild auf als zuvor. Fest steht leider, dass meine Augen aufgrund des Drucks auf meinen Kopf gelitten haben.

Haben Sie jemals entspannen können?

Manchmal war es schon stressig. Etwa bei Weltraumspaziergängen, oder Lande- und Abflugmanövern. Manchmal kriegt man an den Wochenenden einen Tag frei. Dann hat man ein bisschen Zeit für sich selbst.

Haben Sie sich auf der ISS-Station jemals "normal" gefühlt?

Nicht wirklich. Das Fehlen der Schwerkraft und die Umverteilung der Körperflüssigkeiten sind nie normal.

Fehlt Ihnen der Weltraum?

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.

Sie konnten quasi von der Cupola der ISS, die auch das "Fenster auf die Welt" genannt wird, den Heimatplaneten tagtäglich beobachten. Was haben Sie gesehen?

Alles. Ein Jahr ist lang.

Wie haben Sie sich unmittelbar nach der Rückkehr Ihrer Jahresmission gefühlt?

Ich hatte bittersüße Gefühle, aber es ist gut, wieder hier zu sein.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Österreich (lacht). Nein, im Ernst: Am schönsten sind die tropischen Gewässer und die Wüsten. Die Bahamas zum Beispiel.

Sie haben die Erde als "unglaublich blau und unfassbar schön" bezeichnet. Wie schätzen Sie ihren Zustand ein?

Das ist sie, aber auch zerbrechlich. Auffällig ist die Gegenwart der Menschen. Es besteht kein Zweifel darin, dass wir Verschmutzer sind. Im Laufe meiner Jahre im Orbit ist mir sehr wohl aufgefallen, dass der Regenwald in Südamerika völlig dezimiert wurde. Wir brennen die Erde sprichwörtlich in den Boden. Außerdem passiert Luftverschmutzung nicht nur dann und wann, sondern das ganze Jahr.

Der Klimawandel ist Realität. Die USA unter Donald Trump sehen das nicht so und werden aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen.

Ich bin noch immer absolut geschockt. Der Rückzug könnte verheerende Auswirkungen auf unseren Planeten haben. Schließlich teilen Paris und Pittsburgh dieselbe Umwelt. Viele Regierungsmitglieder in den USA denken genauso. Die Situation ist traurig, denn wenn fast die gesamte Welt den Klimawandel ernst nimmt, wie kann dies unser Präsident nicht? Das Gute ist, dass wir in einer Demokratie leben. Ich hoffe am Ende auf einen gesunden Menschenverstand und eine Lösung.

Haben Sie sich in den 340 Tagen im Weltall verändert?

Ich nehme die Umwelt intensiver wahr und sehe das Treiben von sechs Milliarden Menschen anders als zuvor. Was die Menschheit im Allgemeinen betrifft, habe ich mehr Empathie dafür.

Wie sieht es aus mit einer Reise zum Mars? Wann ist so ein Projekt überhaupt durchführbar?

Jetzt sofort. Es ist machbar.

Ist denn der menschliche Körper überhaupt dafür gemacht? Man wäre doch recht lange unterwegs.

Ich bin kein Marsexperte, aber ich kann sagen, dass es möglich ist. Man wäre etwa sieben bis acht Monate für den Hinflug unterwegs und die gleiche Zeit zurück, um ein Jahr dort zu bleiben. Es geht vor allem um die Finanzierung, ums Geld. Eine Rakete ist teuer.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-16 16:27:09
Letzte nderung am 2017-08-16 22:55:53



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