• vom 31.08.2017, 16:43 Uhr

Mensch

Update: 01.09.2017, 17:27 Uhr

Ökologie

Die "Aliens" unter uns




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Grass

  • Viele Pflanzen- und Tierarten leben heute außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat - auch Störenfriede.



Neue Arten werden in einer Fünf-Punkte-Skala erfasst.

Neue Arten werden in einer Fünf-Punkte-Skala erfasst.© Getty (2), Wikimedia, apa Neue Arten werden in einer Fünf-Punkte-Skala erfasst.© Getty (2), Wikimedia, apa

Die berühmte Spinne in der Yucca-Palma, die versteckt in der Grünpflanze aus ihrer Heimat anreist, wird auch heute noch in Sagenerzählungen gefeiert. Das fremde Getier verrät sich durch leises Piepsen - und zwar jedes Mal, wenn das Pflänzchen gegossen wird. Auch wenn sich die Geschichte wohl so nie zugetragen hat, so steht sie sinnbildlich für eine Entwicklung, die seit Jahrzehnten ihren Lauf nimmt. Mittlerweile bevölkern viele Arten Regionen ganz fern ihrer eigentlichen Heimat. Die Transport- und Tourismusverbindungen über die Kontinente sind die Hauptursache für die stattfindende biologische Globalisierung der Welt. "Aliens" befinden sich also zuhauf unter uns.

Schauplatz Österreich: Der Buchsbaumzünsler macht nicht nur Stadtgärtnern das Leben schwer. Die wunderschön gezeichnete Raupe frisst vielerorts die Büsche kahl. Einmal angesiedelt, ist sie nur schwer wieder loszuwerden. Der im 19. Jahrhundert eingeschleppte Amerikanische Flusskrebs wiederum hat die heimischen Flusskrebse nahezu ausgerottet. Gegen die durch ihn eingeschleuste Krebspest sind sie zu wenig robust. Nur in abgelegene Bäche ist sie noch nicht vorgedrungen. Der Asiatische Marienkäfer wiederum, der ursprünglich zur biologischen Schädlingskontrolle in Glashäusern eingesetzt wurde, ist mittlerweile durch seine hohe Fortpflanzungsrate und Gefräßigkeit anderen Marienkäferarten weit überlegen.

Ragweed-Plage

Nicht nur Tierarten überwinden Strecken von tausenden Kilometern: Allergiker können aktuell ein Lied davon singen, denn die ersten Ragweed-Pollen sind schon flügge. Eingeschleppt aus Nordamerika, vermehrt sich das Unkraut seit etwa 15 Jahren besonders stark. Der Klimawandel begünstigt seine Ausbreitung - aber auch die anderer nichtheimischer Arten.

Rund 1700 gibt es von ihnen allein in Österreich - ihnen stehen rund 3000 heimische Arten gegenüber. Jedoch haben nur etwa 10 bis 15 Prozent davon negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, Land- und Forstwirtschaft oder die Natur, wie Franz Essl, Ökologe der Universität Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont. Aus der Sicht des Naturschutzes ist die aus Nordamerika stammende Robinie ein Störenfried sondergleichen. Der attraktive Laubbaum wird zwar für sein Holz geschätzt und ist als Stadtbaum sehr beliebt - doch einmal auf Magerwiesen oder in Eichenwäldern ausgesetzt, "verändert er die Lebensräume aufgrund seiner hohen Stickstoffbindung fundamental", so der Experte.

Schauplatz Australien: In den 1930er Jahren war die Aga-Kröte in Down Under ausgesetzt worden, um Pflanzenschädlinge zu bekämpfen. Doch dank giftiger Sekrete hat sie kaum Feinde und vermehrt sich deshalb in unglaublicher Geschwindigkeit. 200 Millionen Tiere sollen es heute sein, die das Land bevölkern. Sie haben Beutelmarder- und Waran-Arten drastisch dezimiert oder sogar völlig ausgerottet.

Fluch der Karibik

Kaninchen sind gar zur Landplage geworden. Sie sind Konkurrenten der einheimischen Wildtiere, schaden der Vegetation und dem Boden. Auch aufgrund ihrer Gefräßigkeit und Widerstandsfähigkeit haben sie zum Schwund zahlreicher australischer Tiere und Pflanzen beigetragen. Den Kontinent ebenso fest im Griff haben die roten Feuerameisen. Die aus dem Amazonas-Gebiet stammende Spezies frisst sich aber auch schon durch die USA. Die aggressiven Ameisen beißen ungebetene Gäste, fressen die Ernte, beschädigen Bienenstöcke und töten mit ihrem Gift junge Nutztiere.

Schauplatz Karibik: Nicht nur Jack Sparrow treibt in den Gewässern sein Unwesen. Als Fluch der Karibik kann wohl auch der Pazifische Rotfeuerfisch bezeichnet werden. Sein eigentlicher Lebensraum sind die Außenriffe und Lagunen im Pazifischen Ozean. Aquarianer schätzen seine Eleganz, Farbenpracht und Flossen - von Fischliebhabern dürfte er auch im westlichen Nordatlantik ausgesetzt worden sein. Dort macht sich der Räuber mit gewaltigem Appetit seither über die heimische Meeresfauna her. Auch Papageifische, Doktorfische und andere Meeresvegetarier leiden unter den Attacken und können ihre Funktion, nämlich die Algen von den Korallenoberflächen zu weiden, nicht mehr erfüllen.

Küstenregionen als Hotspots

Die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die Verschleppung der Arten hat seit dem Zweiten Weltkrieg sehr stark zugenommen, schildert Franz Essl. Zu dieser Zeit hatten der globale Handel und die Reisetätigkeit einen starken Anstieg erfahren. Die größten Hotspots der Ansiedelung fremder Arten stellen vor allem Küstenregionen dar (siehe Grafik). Mit ihren Häfen sind sie "die Einfallstore" für die sogenannten Neobiota, da 90 Prozent der Güter über Schiffe transportiert werden. Die meisten dieser von fremden Arten dicht besiedelten Regionen liegen im subtropischen und mediterranen Klima. Dieses bietet für viele Arten günstige Voraussetzungen.

Ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung stellen allerdings auch die direkten Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt dar, betont Essl: "Lebensräume werden verändert und es entstehen neue." Solche durch Städteplanung oder Land- und Forstwirtschaft veränderten Areale bieten für neu ankommende Arten gute Möglichkeiten, sich zu etablieren. "Sie haben gewisse Vorteile, weil viele dieser Arten können mit vom Menschen verursachten Störungen gut umgehen", so der Experte.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-31 16:48:06
Letzte ─nderung am 2017-09-01 17:27:01



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Wir alle wollen Astronauten werden"
  2. Umwelt-Archive auf dem Grund
  3. Größter Kürbis der Welt prämiert
  4. Umweltwächter im All
  5. Tod durch Umweltsünden
Meistkommentiert
  1. Der Sitz der Eifersucht
  2. Schmarotzer mit Feuerkraft
  3. Am Gängelband der Gestapo
  4. Hirse für die Welternährung

Werbung




Werbung


Werbung