• vom 02.09.2017, 18:00 Uhr

Mensch

Update: 04.09.2017, 07:28 Uhr

Viktor Frankl

Der zeitlose Sinnstifter




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Von Alexandra Grass

  • Zum 20. Todestag Viktor Frankls - seine Lehre ist heute ungebrochen aktuell.

Der 1997 verstorbene Viktor Frankl ist Begründer der Dritten Wiener Psychotherapeutischen Schule.

Der 1997 verstorbene Viktor Frankl ist Begründer der Dritten Wiener Psychotherapeutischen Schule.© apa/Gindl Der 1997 verstorbene Viktor Frankl ist Begründer der Dritten Wiener Psychotherapeutischen Schule.© apa/Gindl

Wien. Als Begründer der Logotherapie und der Existenzanalyse hat er zeit seines Lebens die Frage nach dem Sinn in den Mittelpunkt gestellt. Heute, Samstag, jährt sich der 20. Todestag des großen österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl. Über die Bedeutung der Dritten Wiener Psychotherapeutischen Schule nach Sigmund Freud und Alfred Adler für die heutige Zeit hat die "Wiener Zeitung" mit dem Kärntner Psychotherapeuten und Sachbuchautor Helmut Graf gesprochen.

"Wiener Zeitung": Welche Relevanz hat Viktor Frankl heute?

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Helmut Graf ist Psychotherapeut und Geschäftsführer der logo consult Unternehmensberatung. Als Sachbuchautor hat er Publikationen über Viktor Frankl verfasst und dessen Lehre für das Management aufbereitet.

Helmut Graf: Hinter dieser Frage steckt jene, wie wir den Menschen heute sehen wollen. Sehen wir ihn triebgesteuert, als Wesen, das keine Freiheit hat, anders zu tun und anders zu denken als das, was das Kollektiv ihm heute vorgibt, wie es Sigmund Freud meinte. Oder sehen wir, wie Frankl, die geistige Ebene des Menschen, in der er Freiheit erfährt. Diese Bedeutung des ganzheitlichen Menschenbildes hat Frankl geprägt. Das heißt, wir sind nicht nur Opfer, sondern haben und können auch auf heutige Herausforderungen antworten. Es liegt in unserer Entscheidung.



Das Menschenbild ist demnach die Grundvoraussetzung. Die äußeren Einflüsse auf den Menschen sind dennoch vorhanden und haben sich im Laufe der Zeit scheinbar verändert. Haben sie sich tatsächlich verändert?

Von den Grundvoraussetzungen nicht, es sind nur die Fakten andere geworden. Stellen wir uns Viktor Frankl nach dem Zweiten Weltkrieg im zertrümmerten Österreich vor. Damals wusste man nicht, wie es weitergeht. Aber auch heute befinden wir uns in einem Provisorium. Übertragen wir das in das Wirtschaftsdenken. Salopp gesagt, was am Vormittag auf CEO-Ebene ausgemacht wird, ist am Nachmittag nicht mehr gültig. Wir müssen angeblich so flexibel sein. Natürlich brauchen wir die Fähigkeit, rasch auf Veränderungen der Zeit zu reagieren. Andererseits brauchen wir auch ein Grundbedürfnis an Stabilität. Genau in diesem Spannungsfeld müssen wir die provisorische Daseinshaltung auflösen. Und wenn ich einen Sinnhintergrund in meinem Leben habe, kann ich mit einem solchen Provisorium leichter leben.

Einer Umfrage zufolge glaubt fast die Hälfte der Österreicher, dass es in den nächsten zehn Jahren in Österreich keine Verbesserung geben kann. Wie konstruktiv ist diese Einstellung?

Man spricht dabei von einer fatalistischen Lebenseinstellung, von der Ohnmacht des kleinen Mannes. Es mag sein, dass wir in einer schwierigen Zeit leben, aber die Frage ist, welche Antwort geben wir dem Leben und auf unsere Herausforderungen.

Denkt man an Soziale Medien, so scheint die Meinung des Kollektivs immer mehr Bedeutung zu haben.

Wenn ich nicht poste, dann werde ich nicht mehr gesehen. Wenn ich Social Media nicht nütze, dann bin ich quasi draußen. Der bittere Preis ist, dass die Individualität, das Ich-Sein sich im Kollektiv auflöst. Dann dürfen wir uns nicht wundern, dass es so etwas wie eine Sinnkrise gibt.

Ist der Mensch überhaupt noch fähig, da gegenzusteuern?

Zwei Elemente, auf die Frankl aufmerksam gemacht hat, sind hier zu bedenken: Die Scheu vor der Verantwortung und die Flucht vor der Freiheit, die wir heute im Alltag immer wieder finden. Nehmen wir das Beispiel Mobbing am Arbeitsplatz. Schwimme ich im Kollektiv mit, oder übernehme ich Verantwortung und nehme ich mir die Freiheit, hier die Ungerechtigkeit aufzuzeigen. Das ist bestimmt sehr unbequem. Aber die Sinnsuche kann auch manchmal sehr unbequem sein. Auf der anderen Seite hält es allerdings auch gesund. Denn Sinn trägt unglaublich positiv zur seelischen Gesundheit bei.

Was liegt der Suche nach dem Sinn zugrunde?

Frankl hat drei Wege aufgezeigt, wie Sinn entdeckt werden kann. Der erste sind die schöpferischen Werte. Das hießt, ich kann meine Fähigkeiten und Talente irgendwo einbringen, mitunter auch ohne dafür bezahlt zu werden. Der zweite Weg hat mit dem Menschsein zu tun. Werde ich als Mensch, so wie ich bin, wahrgenommen und akzeptiert. Aber nicht aufgrund einer tollen Leistung oder eines guten Aussehens, sondern aufgrund meiner Persönlichkeit. Schaut man in die Wirtschaft, dann liegt schon manches im Argen. Wir werden über das definiert, was wir leisten. Das fördert nicht unser Sinnerlebnis. Der dritte Weg ist der Umgang mit kaum oder nicht veränderbaren Lebensbedingungen. Alles zusammen zeigt, dass Sinn nicht etwas theoretisches ist, sondern etwas sehr praktisches. Frankl hat dabei vom existenziellen Sinn gesprochen.

In Summe gesehen scheint es heute für Erwachsene nicht ganz leicht zu sein, Sinn zu finden. Wie sollen es dann die Kinder lernen?

Auch wenn es in meinem Umfeld viele Sinnwidrigkeiten gibt, kann ich selbst für mich Sinn entdecken. Denn jeder Einzelne kann auf Herausforderungen anders antworten, anders entscheiden. Denn wir sind nicht Getriebene, nicht nur immer Opfer, sondern auch Entscheider. 





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 16:42:10
Letzte ─nderung am 2017-09-04 07:28:16



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