• vom 11.10.2017, 16:39 Uhr

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Update: 11.10.2017, 17:03 Uhr

Medizin

Schmarotzer mit Feuerkraft




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Von Alexandra Grass

  • Die Misteltherapie entpuppt sich immer mehr als wirkungsvoller Begleiter der Krebsbehandlung.

Ab Herbst werden die Mistelbüsche wieder sichtbar. - © public domain

Ab Herbst werden die Mistelbüsche wieder sichtbar. © public domain

Wien. Nach und nach kommen sie wieder zum Vorschein: Jene Schmarotzer mit ihren kleinen weißen Perlen, die sich mit dem einfallenden Herbst wie Vogelnester in den Baumkronen zu erkennen geben. Laut der nordischen Göttersage war sie die heilige Pflanze von Frigga, der Göttin der Liebe. Seit bereits 100 Jahren ist die weißbeerige Mistel (Viscum album) allerdings nicht mehr nur für die Liebe zuständig, sondern hat sich als wichtiger Begleiter in der Behandlung von Krebserkrankungen entpuppt.

Ihre Inhaltsstoffe, allen voran Lektine und Viscotoxine - bestimmte Eiweißstoffe und Gifte -, regen nicht nur die Vermehrung der Immunzellen an. Das Abwehrsystem des Körpers wird in Schwung gebracht, Tumorzellen werden in ihrem Wachstum gehemmt. Alles in allem eine Wirkung, die in der Tumorbehandlung nicht unwesentlich ist. Vor allem in Kombination mit Chemotherapien zeigen sich deshalb auch gute Erfolge, wie Experten am Mittwoch im Rahmen eines Pressegesprächs skizzierten.

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Bessere Lebensqualität
Durch das vielfältige Wirkspektrum profitieren die Patienten auch von einer Verbesserung der Lebensqualität, betonte der deutsche Krebsexperte Harald Matthes von der Berliner Charité. Der Mistelextrakt, der als wässrige Lösung unter die Haut injiziert wird, beeinflusst etwa die Stimmung, den Appetit, den Schlaf und die Leistungsfähigkeit positiv, gleichzeitig reduziert die Substanz die Infektanfälligkeit der Betroffenen.

Je nach Wirtsbaum bekommt die Mistel ihre typische Prägung, aus der die klinische Anwendung abgeleitet wird. Mistelzweige vom Apfelbaum etwa stimulieren das Immunsystem am stärksten. Die Tannenmistel gilt als schonendste und eignet sich daher besonders für geschwächte Patienten und für die Begleitung belastender Therapien.

In zahlreichen Studien wurden bereits Wirksamkeit und Verträglichkeit der Extrakte untersucht, betonte Matthes. Eine Metaanalyse von rund 170 Mistelstudien zeigte eine signifikante Verbesserung bei Überlebenszeit, krankheitsfreiem Überleben und Lebensqualität in 49 Arbeiten. In 36 Arbeiten war ein positiver Trend zu erkennen. In keiner Studie konnten ihmzufolge negative Auswirkungen beobachtet werden.

Die spektakulärsten Daten wurden in den letzten Jahren zum Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüse) publiziert. Eine serbische Studie brachte laut Matthes bei extrem schwierig zu behandelnden Patienten allein durch die Misteltherapie eine Verlängerung der Überlebensdauer von durchschnittlich 2,7 Monaten (keine Chemotherapie, keine Misteltherapie) auf 4,8 Monate (nur Misteltherapie, keine Chemo).

Neue Entwicklungen auf dem Gebiet sind die intravenöse Gabe von Mistelextrakt-Lösungen oder gar das direkte Injizieren in Tumorgewebe. Wirkung zeigen die Substanzen aber nicht nur als Begleiter von Chemotherapien, wie der Brustkrebsexperte Leo Auerbach vom Wiener AKH betonte. Auch bei den sogenannten zielgerichteten Therapien gebe es demnach Erfolge.

Matthes berichtet gar von einem vorsichtig positiven Trend auch bei der als Revolution der letzten Jahre bezeichneten Immuntherapie. Obwohl bei dieser Behandlungsform das eigene Abwehrsystem mittels sogenannter Checkpoint-Inhibitoren dermaßen aktiviert wird, dass es sich gegen Krebszellen wehren kann, scheint die zusätzliche modulierende Wirkung durch den Mistelextrakt zumindest keinen Schaden zu verursachen. Vielleicht könnte er sogar einen gewissen Schutzmechanismus vor Autoimmunerkrankungen bewirken, die als Folge der Immuntherapie auftreten können. Die Experten sind mit ihren Aussagen diesbezüglich allerdings noch äußerst vorsichtig, denn die Patientenzahl sei noch zu gering. Matthes spricht von 25 Personen - mindestens 300 wären nötig, um verwertbare Daten haben zu können. Grundsätzlich sei die Misteltherapie bei den meisten Chemotherapien und zielgerichteten Therapien bei den meisten Krebsarten einsetzbar. Die größten Erfolge zeigen sich bisher bei Brust-, Darm-, Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs, so die Experten.

Bei Patienten gefragt
Die positiven Effekte sind damit nicht nur wissenschaftlich dokumentiert, sondern offenbar auch von den Patienten sehr geschätzt. Vor allem bei Frauen sei die Nachfrage sehr groß, berichtet Auerbach. Dass es bei der Akzeptanz und Anwendung komplementärmedizinischer Therapieformen unter den Geschlechtern unterschiedliche Auffassungen gibt, ist bekannt.

In Österreich ist der Mistelextrakt zur subkutanen Therapie zugelassen und wird fast ausschließlich im niedergelassenen Bereich eingesetzt. Die Rückerstattung der Kosten von 60 bis 80 Euro pro Monat ist entsprechend der verschiedenen Kassen unterschiedlich geregelt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-11 16:45:06
Letzte ─nderung am 2017-10-11 17:03:05



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