• vom 13.10.2017, 16:30 Uhr

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Update: 13.10.2017, 17:27 Uhr

Erderwärmung

Hirse für die Welternährung




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Von Eva Stanzl

  • Nicht besonders durstig und ertragreich: Das Getreide könnte der Erderwärmung trotzen.

Egal, wie trocken es ist: Perlhirse liefert auch bei Dürre Früchte.

Egal, wie trocken es ist: Perlhirse liefert auch bei Dürre Früchte. Egal, wie trocken es ist: Perlhirse liefert auch bei Dürre Früchte.

Austin. Biomasse gab das Stichwort für Patricia Bubner, sich mit Hirse zu beschäftigen. Die gebürtige Steirerin hatte Technische Chemie in Graz studiert und ging 2013 als Post-Doc an die Universität Berkeley im US-Staat Kalifornien. Sie wollte Biotreibstoffe erforschen, die aus den Stängeln und Blättern von Getreidepflanzen gewonnen werden. Irgendwann war auch die Hirse dran. "Das ist aber interessant", fand ihre Zimmerkollegin, die in Indien geborene Chemikerin Amrita Haza: "Ich bin mit Hirse aufgewachsen, weil sie selbst bei extremer Trockenheit gedeiht." Das "Hirse-Projekt" ("The Millet Project") wurde geboren. Immerhin hatte zu dieser Zeit eine Dürre Kalifornien im Griff.

Hirse ist eine Sammelbezeichnung für Getreidesorten aus der Familie der Süßgräser, die kleine, gelbe Früchte tragen. Der Name ist von einem indogermanischen Wort für Sättigung abgeleitet. Hirse wurde bereits vor 8000 Jahren verspeist - es herrscht ein Disput, ob erstmals in Afrika oder in Asien.

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Hirsen wachsen innerhalb von 90 bis 110 Tagen. Sie sind Gluten-frei und reich an Ballaststoffen, Mineralien, Vitaminen und Eiweiß. Und sie sind vor allem zäh. Die Getreideart hält Temperaturen bis zu 42 Grad Celsius sogar in der Wachstumsphase aus.

"Hirse gedeiht auch auf kargem Boden und überdauert heiße Sommer mit hoher Sonneneinstrahlung", erklärte Bubner jüngst am Rande des Austrian Science and Innovation Talk (Arit), wo sie mit ihrem Plakat "The Millet Project" den Wettbewerb der Marshall Stiftung für wissenschaftliche Poster gewann. Das alljährliche Netzwerktreffen österreichischer Forscher in den USA, das vom Office of Science and Technolgy und den Ministerien für Wissenschaft und Verkehr veranstaltet wird, fand heuer in der texanischen Hauptstadt Austin statt. Die "Wiener Zeitung" besuchte die Tagung auf Einladung des Forschungsrats.

An der Küste Kaliforniens haben die Forscherinnen unterschiedliche Hirsesorten angebaut, um herauszufinden, welche am genügsamsten ist. "Bisher gab es keine großen Datenbanken und keine exakten Aufzeichnungen zu Züchtungen von Hirse", erklärt die Biochemikerin. Sie und ihr Team zogen die Pflanzen bis zu einer Höhe von 20 Zentimetern heran und hörten danach auf, sie zu gießen. Vier Sorten erwiesen sich als besonders dürreresistent, wobei die Afrikanische Perlhirse am allerwenigsten Wasser benötigt.

"Mais ist eine Diva"
"Hätten wir dasselbe mit Mais gemacht, hätten wir keine Ernte erhalten - Mais ist eine Diva. Perlhirse lieferte hingegen immer Ertrag. Bei weniger Wasser waren die Pflanzen zwar kleiner, aber sie brachten immer Ähren, Früchte und Samen hervor", resümiert Bubner. Perlhirse wird weltweit auf 27 Millionen Hektar angebaut und ist ein Grundnahrungsmittel für 90 Millionen in Armut lebende Bauern.

Mit dem Klimawandel werden Nutzpflanzen, die auch bei Trockenheit und Hitze wachsen, wichtiger. Wenn die Erderwärmung fortschreitet, könnten Hirsen bald nicht nur wie derzeit in Indien und Afrika, sondern auch in Regionen wie Kalifornien oder dem Mittelmeerraum häufiger angebaut werden. Um den Eigenschaften der Pflanze auf den Grund zu gehen, haben Forscher kürzlich das Erbgut der Perlhirse entschlüsselt. Die Getreideforschungseinrichtung Icrisat hat 1000 verschiedene Linien von Zucht- und Wildtypen sequenziert. Etwa 1000 Marker stehen für Trocken- oder Hitzeresistenz, Ertrag und bestimmte Inhaltsstoffe. Das Wissen um das Genom der Perlhirse soll ermöglichen, die Eigenschaften zu verbessern oder sie zu übertragen.

Könnte man den Welthunger mit Hirse stillen? "Ich bin vorsichtig", betont Bubner: "Denn natürlich gedeiht die Pflanze nicht in der Wüste - gießen muss man schon. Aber wir wollen Sorten finden, die in Afrika noch besser wachsen. Und wir wollen Hirse auch im Westen populär machen, und sie sozusagen zum neuen Superfood stilisieren - beispielsweise mit einem neuen Hirseriegel."

Die Produktentwicklung müssten wohl andere aus dem achtköpfigem Team übernehmen. Bubner arbeitet seit dem Ende ihres Post-Doc als analytische Chemikerin bei der Pharmafirma Boehringer Ingelheim. Das Hirse-Projekt, das seine Mittel aus Crowdfunding bezieht, betreut sie in ihrer Freizeit. "Ich hoffe, dass jemand aus Österreich mit uns zusammenarbeitet", betonte sie in Austin.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-13 16:36:09
Letzte nderung am 2017-10-13 17:27:05



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