• vom 10.11.2017, 16:32 Uhr

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Die Krux mit den Antibiotika




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Von Alexandra Grass

  • Weltantibiotikawoche startet am Montag: Mediziner weichen von den Einnahmeempfehlungen ab.



Wien. Ein Antibiotikum muss immer bis zum Ende der vorgegebenen Einnahmezeit aufgebraucht werden - auch wenn die Symptome schon unterdessen verschwinden. So lautet die Faustregel zur richtigen Einnahme der Bakterienkiller. Diese scheint heute allerdings nicht mehr auf jede Situation zuzutreffen. Denn es hat sich in den vergangenen Jahren durchaus gezeigt, dass bei einigen Infektionen eine kürzere Therapiedauer genauso wirksam ist. Aus diesem Grund stellt die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie nun diese Einnahmeempfehlung in Frage.

Diesen Trend bestätigt auch der Infektiologe Florian Thalhammer von der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Bei bakterieller Bronchitis oder Lungenentzündung sei man vom Zehn-Tages-Einnahmeschema bereits abgekommen. "Bei der Lungenentzündung haben wir uns auf sieben Tage eingependelt", sagt der Experte. Bei Harnblasenentzündungen verabreichen Ärzte heute auch schon durchaus Einmalgaben. Andererseits gebe es Indikationen, wo eine längere Einnahme - mitunter über Wochen oder sogar Monate - dringend erforderlich sei. "Eine Herzklappenentzündung würde sich bedanken, wenn ich sie nur drei Tage behandle", bringt es Thalhammer auf den Punkt.


Widerstandsfähige Erreger
Dies abzuschätzen, sei jedoch Aufgabe des Arztes, stellt der Experte klar. Eigenmächtiges Handeln sei hier unangebracht. Denn in vielen Fällen könnte eine zu kurze Therapie zu Komplikationen führen.

Mit der am Montag beginnenden Weltantibiotikawoche will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einmal mehr auf die Bedeutung eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Bakterienkillern aufmerksam machen. Ziel ist es dabei auch, die Ausbreitung von Resistenzen einzudämmen.

Diese Widerstandsfähigkeit so mancher Erreger gegenüber den Substanzen machen der Wissenschaft immer mehr zu schaffen. Superbakterien ist damit Tür und Tor geöffnet. Derzeit gebe es nur wenige Behandlungsoptionen bei Infektionen mit wirkstoffresistenten Keimen, warnte jüngst die WHO. Problematisch werde es insbesondere, wenn selbst Reserveantibiotika an den Keimen scheitern. Diese werden in Panzerschränken gegen wirkstoffresistente Keime aufbewahrt.

Wenn in den kommenden Monaten wieder so manche Grippewelle ihr Unwesen treibt, wird auch der Einsatz der Waffen aus dem Hause Alexander Fleming, dem Vater des Penicillins, einmal mehr ansteigen, prophezeit Thalhammer. Legt man die Verordnungszahlen der oralen Antibiotika über jene der Grippekurve "hat man den Eindruck, dass jeder Patient plötzlich ein Antibiotikum erhält", so der Mediziner. Bei reinen Virusinfekten sei ein solches allerdings - weil wirkungslos - völlig fehl am Platz. Die Verordnung erfolge allerdings des Öfteren trotzdem - und zwar auf Drängen der Patienten.

Einfach aussitzen
Worauf ist also zu achten? "Grippeimpfen und Antibiotikum in Abhängigkeit zur Indikation korrekt einnehmen. Nicht aufhören, wenn man sich gesund fühlt, sondern so lange wie nötig", betont der Experte. Häufig würden auch Antibiotikareste zu Hause gehortet und bei den ersten Symptomen eines Infekts eingenommen, was wiederum die Bildung von Resistenzen fördert.

Bei Kindern seien es besonders häufig virusbedingte Erkrankungen, die mitunter bis zu acht mal im Jahr auftreten können. "Das muss man einfach aussitzen, da hilft nichts anderes", erklärt Thalhammer.




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Dokument erstellt am 2017-11-10 16:35:05



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