• vom 28.11.2017, 16:54 Uhr

Mensch


Medizin

Fenster mit Aussicht




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Grass

  • Die Netzhaut spiegelt den Gesamtzustand des Menschen wider. Das eröffnet neue Möglichkeiten.

- © Fotolia/valerybrozhinsky

© Fotolia/valerybrozhinsky

Wien. 57 Jahre, weiblich, intensives Rauchverhalten, Bluthochdruck und eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit, in den nächsten fünf Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden: Der Blick künstlicher Intelligenzen in unser Auge verrät mehr über den Gesamtzustand eines Menschen, als uns lieb ist. Möglich macht dies nicht nur die Entwicklung neuer Technologien, sondern auch unsere Netzhaut. Sie ist ein regelrechtes Abbild unseres Gehirns und gibt Einblick in aktuelle oder drohende Erkrankungen sowie den Lebensstil eines Menschen, schilderte Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Medizinischen Universität, am Dienstag.

Der Einzug der Artificial Intelligence (AI) in medizinische Fachdisziplinen bietet Chancen - vor allem in der Augenmedizin. Die neueste diagnostische Bildgebung an unserem Sehorgan sei am gesamten menschlichen Körper einzigartig. Auf Basis der Technologie der OCT (optische Kohärenztomografie) entstehen innerhalb von 1,2 Sekunden rund 40.000 Scans mit einem Gesamtvolumen von 65 Millionen Bildpunkten. Dabei handelt es sich um ein riesiges Informationsvolumen über die Netzhaut eines jeden Patienten.


Die Daten werden mithilfe automatisierter Algorithmen analysiert und sind etwa auch für die Behandlung von Diabetikern von großer Bedeutung, wie der Internist Florian Kiefer von der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien ausführte.

Diabetes in der Frühphase
Die sogenannte diabetische Retinopathie, eine Erkrankung der Netzhaut, die häufig zu Erblindung führt, ist eine Folgeerkrankung von Diabetes mellitus. Durch eine strenge Einstellung des Blutzuckerspiegels könne die Entwicklung oder das Fortschreiten dieser Erkrankung verhindert oder zumindest verzögert werden, so der Experte. Bei der Wahl der Therapie nehme die neue Untersuchungsmethode einen hohen Stellenwert ein.

Aber nicht nur das. Mittels eines breiten Screenings könnte Diabetes künftig schon in der Frühphase erkannt werden. "Sehr viele Patienten laufen herum, ohne dass sie über ihre Erkrankung Bescheid wissen", betonte Schmidt-Erfurth. Eine Früherkennung bewahre nicht nur den Patienten vor Folgeschäden, sondern auch das Gesundheitssystem vor hohen Kosten durch Spätkomplikationen.

Das entsprechende Gerät dazu soll ab Jänner 2018 in der Diabetesambulanz der Uniklinik zur Verfügung stehen. Die Medizinische Universität ist dann das dritte Zentrum in Europa mit dieser Ausstattung.

Die Diabetologie wird aber wohl nicht das einzige Fach bleiben, in dem Künstliche Intelligenzen mit Blick ins Auge eine Rolle spielen werden. Die Netzhaut ist "ein Satellit des Gehirns" und präsentiert deshalb auch die Gefäßsituation im Kopf. Schon heute lasse sich Multiple Sklerose via Augenscan diagnostizieren. Nehmen die Datensammlungen zu, könnten früher oder später auch neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson mittels Netzhaut-Check erkannt werden.

Schon viele Unternehmen seien bestrebt, solche Geräte zu entwickeln, um sie in den USA in Einkaufszentren aufzustellen, schildert die Medizinerin ein künftiges Einsatzgebiet. So ließe sich auf einfache, schmerzlose und billige Art und Weise eine Diagnose erstellen, ohne im Vorfeld einen Arzt konsultieren zu müssen. Die Auswahl der Behandlungsmethode bleibt dann allerdings diesem überlassen.

AI gibt Entscheidungshilfe
Denn: Künstliche Intelligenzen seien grundsätzlich nicht intelligenter als Kliniker, aber umfangreicher in ihrer Dimension, erklärt Schmidt-Erfurth. Ein Algorithmus wertet die Daten in nur zehn Sekunden aus und gibt dem Arzt damit binnen kürzester Zeit wichtige Entscheidungshilfen. Diesem obliegt schließlich in seiner gesamtheitlichen Betrachtung des Patienten die Auswahl der Therapie.

Der Mediziner sei damit nicht ersetzbar, dennoch werde sich das Berufsbild des Arztes schon in naher Zukunft grundlegend verändern, ist die Expertin überzeugt. Um das Thema digitale Entwicklungen in der personalisierten Medizin geht es auch bei dem am Samstag in Wien stattfindenden ART-2017-Fachkongress (Art Retinal Therapy) der Augenärzte.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-28 16:59:07



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Wir sind dabei, die Schlacht zu verlieren"
  2. Statt Traubenzucker das ganze Menü
  3. Forscher entdeckten Fossilien eines Riesenpinguins
  4. Die Reise der Impfstoffe
  5. Brummende Routenplaner
Meistkommentiert
  1. Massereiches Frühchen im All
  2. Wer will denn schon früh sterben?
  3. "Wir sind dabei, die Schlacht zu verlieren"
  4. Genetik der Ohrläppchen
  5. Smartphone-Sucht führt zu Veränderungen im Gehirn

Werbung




Werbung


Werbung