• vom 23.08.2011, 16:53 Uhr

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Update: 23.08.2011, 17:35 Uhr

London

Ungerechtigkeit macht krank




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Von Eva Stanzl

  • Je weiter die Einkommensschere aufklafft, desto geringer die Lebenserwartung und das Wohlbefinden
  • Britische Forscher: Gleichere Gesellschaften sind besser dran.
  • Ungleichheit führt auch zu mehr Religiösität.

Wer steht unter wem? Schuhputzer (hier in New York) als Sinnbild sozialer Ungleichheit.

Wer steht unter wem? Schuhputzer (hier in New York) als Sinnbild sozialer Ungleichheit.© BilderBox Wer steht unter wem? Schuhputzer (hier in New York) als Sinnbild sozialer Ungleichheit.© BilderBox

Alpbach. Armut macht krank. Je ärmer die Menschen, desto schlechter ist ihr Gesundheitszustand und desto niedriger ihre Lebenserwartung, der Zusammenhang ist belegt. Geht es nach britischen Wissenschaftern, ist er jedoch zu einfach gestrickt. Entscheidender noch als das Pro-Kopf-Einkommen ist ihnen zufolge die soziale Kluft in einem Land.

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Kate Pickett, Professorin für Epidemiologie der Universität York, und Richard Wilkinson, Professor Emeritus für Soziale Epidemiologie der Universität Nottingham, haben Studien und Daten von Behörden und internationalen Organisationen zum Wohlstand und Wohlbefinden der Bürger in 23 der 50 reichsten Nationen und in den US-Bundesstaaten unter die Lupe genommen. Die Auswertungen zeigen: Je weiter die Einkommensschere in einer Gesellschaft aufklafft, desto kürzer ist die Lebenserwartung und desto mehr gesundheitsbedingte und soziale Probleme treten auf.

Weiters lässt eine ungerechte Vermögensverteilung das Vertrauen in andere Menschen sinken. Der soziale Zusammenhalt lässt nach, die schulischen Leistungen fallen ab, das Wohlbefinden der Kinder schwindet. Gleichzeitig steigen die Zahl der Teenager-Schwangerschaften, die Häufigkeit von Suchtgiftmissbrauch, das Aggressionspotenzial und die Kriminalitätsrate proportional zur sozialen Kluft, erklärten die Studienautoren jüngst im Rahmen der derzeit laufenden Seminarwoche des Europäischen Forum Alpbach.

Wie Vermögen in verschiedenen Ländern verteilt sind, legen Pickett und Wilkinson in ihrem Buch "The Spirit Level" dar. Demnach ist das reichste Fünftel der in Japan lebenden Bevölkerung 3,4 Mal so vermögend wie das ärmste Fünftel. Die obersten 20 Prozent der Schweden verdienen 4 Mal so viel wie die untersten. In Österreich ist das Einkommen der Reichsten 4,8 mal so hoch und in Deutschland 5,2 Mal so hoch wie jenes der ärmsten. Die Bestverdiener im Vereinigten Königreich nehmen 7,2 Mal mehr ein als ihre Mitbürger, die am wenigsten verdienen. Am größten ist die Ungleichheit in Portugal, dessen Wohlhabende 8 mal verdienen, und in den USA, deren Millionäre auf ein 8,5 Mal höheres Vermögen verweisen können als deren Niedrigstverdiener.

Österreich im Mittelfeld
An das Gefälle angelehnt, ist die Lebenserwartung in Portugal mit 76,1 Jahren am geringsten. In den USA liegt sie bei 77 Jahren, in Deutschland bei 78,1. Österreich erreicht mit einem Durchschnittsalter von 78,3 Jahren die Mitte. Die Schweden werden 80, die Japaner werden gar 82 Jahre alt.

Auf kulturelle Unterschiede gehen Pickett und Wilkinson nicht ein. Ein Bereich, der fehlt, denn immerhin gilt die japanische Küche allgemein als gesund und wenig krebserregend. Burger und Pommes Frites fördern hingegen die Fettleibigkeit. Der schwedische Zusammenhalt wiederum könnte auch darauf zurückgehen, dass sie lange eine homogene, geschlossene Gesellschaft waren, ähnlich die Schweiz.

Für Wilkinson und Pickett zählt allerdings viel mehr die Tatsache, dass ihre Korrelationen der Überprüfung standhalten: "Wie sehen dieselbe Entwicklung in allen Staaten der USA, das Muster wiederholt sich", sagt Pickett, schränkt jedoch ein: "Zwar gibt es keine verlässlichen Daten, aber in Entwicklungsländern sähe die Fragestellung etwas anders aus. Dort ist überhaupt grundsätzlich Wachstum nötig und eine medizinische Grundversorgung."

USA sind das Schlusslicht
Von allen Ländern in der Studie schneiden die USA in den Bereichen Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit, Kindersterblichkeit, Zahl der Mord und Totschläge und der Gefängnisinsassen, Rate der Teenager-Schwangerschaften, Vertrauen, Fettleibigkeit, Fällen von psychischen Krankheiten, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie der sozialen Beweglichkeit am schlechtesten ab. Dicht auf ihren Fersen folgen Portugal, das Vereinigte Königreich, Griechenland, Neuseeland, Irland und Australien. Kanada, Deutschland und Österreich rangieren am oberen Ende des unteren Drittels.

Japan ist insgesamt der Spitzenreiter, gefolgt von Schweden, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz. "In Japan sind die Einkommensunterschiede vergleichsweise gering bereits zu Beginn der Berufslaufbahn", erklärt Wilkinson. In Skandinavien kommen hohe Steuern für ausgebaute Sozialsysteme auf, was Gleichheit in der Gesellschaft ermöglicht.

Laut den Forschern zieht sich das Phänomen durch alle Einkommensniveaus. Wirtschaftswissenschafter nennen das den abnehmenden Grenznutzen: Wer sehr viel hat, wird nicht viel zufriedener, wenn er noch ein bisschen mehr dazubekommt. "Selbst Gutverdiener tragen ein höheres Gesundheitsrisiko als Höchstverdiener", so Pickett. Sie begründet das mit einer Art ständigem Kampf um den Futtertrog. "Wenn alle nur ein Auto haben, ist das der Status Quo. Wenn aber der Nachbar drei Autos hat und man selbst nur eines, will man zumindest, dass das eine brandneu ist." Ein Leben unter Druck.

"Je größer die Einkommensschere, desto stressbeladener ist das soziale Leben, weil der Wetteifer um einen sicheren sozialen Status steigt. In der reichen, westlichen Welt führt das zu chronischem Stress", sagt Wilkinson.

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Dokument erstellt am 2011-08-23 16:59:08
Letzte Änderung am 2011-08-23 17:35:46



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