Es gibt keine zuverlässigen Schätzungen, wie viele Arten tatsächlich die Meere bevölkern. Keinesfalls weniger als 230.000 ist eine halbwegs seriöse Zahl. Dass die Ozeane als Lebensraum nur höchst unzulänglich erforscht sind, liegt wohl am extremen technischen Aufwand für penible Beobachtungen. Dunkelheit, Kälte und hoher Druck machen Menschen und Maschinen in der Tiefe zu schaffen. Umso bemerkenswerter sind die Lösungen von Mutter Natur, wenn es um die Besiedelung und Nutzung des reichlich vorhandenen Lebensraums unter Wasser geht.
Nehmen wir etwa die Robben. Tiere, die zwischen Land und Wasser leben. Sie paaren sich an Land, sie ziehen an Land ihre Jungen auf, sie kommen an Land, um zu ruhen. Deswegen haben sie auch Lungen und keine Kiemen. Andererseits ist das ein wenig seltsam für Geschöpfe, die ausschließlich unter Wasser Beute machen. Zwar sind sie vom Körperbau her prädestiniert für die gleitende Fortbewegung im Meer und auch die Augen sehen im Wasser besser als an der Luft - doch in punkto Tauchen sind sie als Lungenatmer auf spezielle Fähigkeiten angewiesen.
Der beste Taucher unter ihnen ist gleichzeitig die größte Robbenart: der See-Elefant, der bis zu vier Tonnen auf die Waage bringt. Er schafft es, rund zwei Stunden unter Wasser zu bleiben und dabei in Tiefen bis zu 1500 Meter vorzudringen. Dazu füllt er beim Abtauchen nicht bloß seine Lunge, sondern legt sich auch Sauerstoffvorräte in seinem Blut, das reich an roten Blutkörperchen ist, und in seinen Muskeln an, die sich damit beim Tauchgang quasi selbständig versorgen. Im Verhältnis zum Körpergewicht kann ein See-Elefant fünf Mal so viel Sauerstoff wie ein Mensch speichern.
Gleichzeitig verbraucht er auch deutlich weniger, da er sich ökonomisch bewegt und zusätzlich seinen Stoffwechsel verlangsamt. Der Herzschlag wird von 120 auf wenige Schläge pro Minute reduziert, der Viertonner See-Elefant kommt gar im Extremfall mit einem einzigen Schlag pro Minute aus. Zusätzlich drosselt er die Durchblutung jener Organe, die er gerade nicht braucht. Wie allerdings seine Nerven dem Druck, der in dieser Tiefe auf seinem Organismus lastet, standhalten, ist ungeklärt. Auch Pinguine, Meeresschildkröten oder Wale - allesamt Meereslebewesen, die Luftatmer sind - sind zu ähnlichen Leistungen fähig.
Auftrieb
Freilich besitzen die meisten Meeresbewohner statt Lungen Kiemen, können also Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen. Kleinstlebewesen tun das über die Haut - was auch die Seeschlange kann, die damit zu den raren Kreaturen zählt, die sowohl eine funktionierende Lunge haben als auch die Möglichkeit, Sauerstoff aus dem Wasser zu nützen. Sie kann tatsächlich weder an Land noch an Wasser ersticken! Dieses Kunststück bringt auch die Moschusschildkröte zuwege. Sie lebt in kühleren ozeanischen Gewässern, die zufrieren, dadurch kommt sie im Winter monatelang nicht an die Oberfläche. Lange dachten Forscher, auch sie würde über die Haut atmen, doch 2010 kam ein Team der Uni Wien zu einer Beobachtung: Man stellte fest, dass die Schildkröte über lappenähnliche, gut durchblutete Strukturen im Mund- und Rachenraum, die sogenannten Papillen, Sauerstoff aus dem Wasser aufnimmt. Sie atmet tatsächlich unter Wasser, ohne da etwas mit ihrer Lunge zu verwechseln.

Was eine weitere, dringliche Frage aufwirft: Trinken Fische? Und wenn ja, wieso vertragen sie das Salz? Fische haben, wie auch wir Menschen, eine leichte Salzkonzentration in ihrem Körperwasser. Die ist deutlich geringer als jene des Meeres, daher haben sie spezielle Mechanismen ausgebildet, das getrunkene Wasser zu entsalzen - oft über die Kiemen, manchmal über eine Drüse im Darm. Sie müssen deswegen trinken, weil sie über ihre Haut ständig Wasser ans Meer verlieren. Das hat mit dem Prinzip der Osmose zu tun, nachdem Wasser immer von einem Ort der niedrigeren Salz-Konzentration zum Ort der höheren fließt, wenn die beiden durch eine halbdurchlässige Wand getrennt sind - die Fischhaut. Daraus ergibt sich die auf den ersten Blick vielleicht erstaunliche Antwort: Meeresfische müssen aktiv trinken, um nicht auszulaufen - Süßwasserfische hingegen müssen in erster Linie Wasser lassen. Bei ihnen funktioniert das nämlich umgekehrt, da Süßwasser noch weniger Salz enthält als der Fisch in seinem Inneren.
Nicht alles, was im Meer schwimmt und wie ein Fisch aussieht, ist auch einer. Wale, zu denen auch die Delfine zählen, sind bekanntermaßen Säugetiere und nehmen als solche eine absolute Sonderstellung ein: Sie sind die einzigen Lebewesen mit Lungen, die ausschließlich im Wasser leben. Nachdem sie völlig anders beschaffen sind als echte Fische, rätseln die Wissenschafter bis heute, wie sie denn ihren Flüssigkeitsbedarf decken. Man nimmt an, dass sie einen Großteil über ihre Nahrung aufnehmen. Ob sie nun zusätzlich trinken und das Salz über ihre Nieren wieder ausscheiden oder ob sie Wasser über ihre Haut aufnehmen, die in diesem Fall als Salzfilter wirken könnte, ist noch Spekulation.
Wie aber schafft es ein Tier, das auf Luft zum Atmen angewiesen ist, auf Wasser zu schlafen und dabei nicht unterzugehen - oder schlafen Wale überhaupt? So ganz genau weiß man das natürlich auch nicht, doch der Schlaf der Delfine ist einigermaßen erforscht. Demnach verschläft der Große Tümmler gut ein Drittel des Tages, allerdings bettet er immer nur eine Gehirnhälfte inklusive einem Auge zur Ruhe. Die andere bleibt wach, um auf mögliche Feinde oder Hindernisse achtzugeben, die da mit dem Delfin eventuell am und im Meer treiben.

